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Mystery-Update

The Mule - Der älteste Drogenkurier der Welt

"The Mule": Für das mexikanische Sinaloa-Kartell schmuggelt er mehr als fünf Tonnen reines Kokain über die amerikanische Grenze - und wird dabei unter dem Namen "El Tata" zu einer lebenden Legende.

Kokain
Kokain: Erst geschmuggelt, dann konsumiert iStock / barisonal

Leo Sharp ist El Tata, alias The Mule

Fast ein Jahrzehnt dauert es, bis die Agenten der Drogenbehörde schließlich auf ihn aufmerksam werden. Unsere Kollegen von Welt der Wunder erzählen die Geschichte von Leo Sharp, dem ältesten Drogenkurier der Welt.

Nach drei Tagen Autofahrt hat Leo Sharp sein Ziel endlich erreicht. Erschöpft lehnt er vor einem verlassenen Lagerhaus irgendwo im Nordwesten Mexikos an seinem Pick-up. Sein Rücken schmerzt, vor einigen Wochen ist er 87 Jahre alt geworden.

Doch ihm bleibt keine Zeit, sich auszuruhen: Ein weißer Geländewagen hält vor ihm, drei Männer steigen aus. Routiniert öffnen sie den Kofferraum von Sharps Pick-up und verstauen darin mehrere ziegelsteingroße Pakete.

Einer der Männer kommt auf Sharp zu. "Ach Tata, was würden wir nur ohne dich tun." Leo Sharp beginnt zu zittern. "Ich kann das nicht mehr," flüstert er leise. "Das ist meine letzte Tour".

Der Mann hört auf zu lächeln: "Hör mal, Tata, wenn du aufhörst, könnte deiner Familie etwas Schlimmes zustoßen. Das will doch keiner, oder?"

The Mule in den Händen des Kartells

Leo Sharps Hand ballt sich zur Faust, doch der 87-Jährige hat keine Wahl. Wenig später steigt er wieder in seinen Pick-up und macht sich auf den Weg zurück in die USA. Was er nicht ahnt: Diese Tour wird tatsächlich seine letzte sein …

Es ist der 21. Oktober 2011, als der Agent David Powell seine große Chance gekommen sieht. Powell ist Spezialermittler der amerikanischen Drogenbehörde DEA.

Seit Monaten hat er mit seinem Team einen gewaltigen Schlag gegen das Drogenimperium von El Chapo vorbereitet, dem Kopf des mexikanischen Sinaloa-Kartells.

Powell will El Chapo da treffen, wo es wehtut: Er nimmt die Versorgungsadern seiner Drogenhändler ins Visier. Das Netzwerk des Kartells erstreckt sich über das ganze Land, in jeder amerikanischen Großstadt verkaufen Dealer El Chapos Kokain.

Doch es sind nur einige wenige, die die Ware ins Land bringen, die sogenannten "Mules" (Deutsch: Packesel). Diese Drogenkuriere schmuggeln jedes Jahr mehrere Hundert Kilogramm reinstes Kokain über die Grenze.

Leo Sharp wird als "El Tata"zur Legende

Einer, der dabei in kürzester Zeit zur Legende geworden ist, wird nur "El Tata" genannt, der Großvater. Seit beinahe einem Jahrzehnt beliefert er Dealer im ganzen Land, doch niemand konnte ihn je fassen oder auch nur ein Foto von ihm machen.

Er steuert die Drogendealer nur in unregelmäßigen Abständen an und lädt dabei gewaltige Mengen Kokain ab – Lieferungen von 200 Kilogramm oder mehr sind keine Seltenheit.

Dieser Mann allein hat in den Jahren zuvor mehrere Tonnen reinstes Kokain für das Kartell in die USA geschmuggelt, und Agent Powell ist sich sicher, ihn endlich stellen zu können. Gemeinsam mit seinen Kollegen verfolgt er kurz vor Detroit einen schwarzen Pick-up.

Dann gibt er das Signal: Unter dem Vorwand einer Routine-Kontrolle stoppt ein DEA-Agent den Pickup, die Kamera des Einsatzfahrzeugs hält den Moment fest (siehe oben). Gebannt starrt Powell auf die Videoübertragung:

Er hat mit einem Gangmitglied mittleren Alters gerechnet, doch aus dem Wagen steigt ein gebrechlicher, 87 Jahre alter Mann. Als der DEA-Agent ihn nach seinem Namen fragt, antwortet er mit zittriger Stimme: Leo Sharp.

Vom Lilienzüchter zum Drogenkurier

Leo Sharp wird am 7. Mai 1924 in Indiana geboren. Während des Zweiten Weltkriegs kämpft er in Europa und wird mit einem Tapferkeitsorden ausgezeichnet. Nach dem Krieg heiratet er und wird Vater. Doch seine Ehe zerbricht, und Sharp zieht sich in die Gärtnerei zurück.

Er züchtet Lilien und erschafft Kreuzungen von nie da gewesener Schönheit. Aus Sharps kleiner Gärtnerei wird ein Unternehmen, das mehrere Blumenfelder bewirtschaftet.

Botaniker weltweit feiern ihn als "Lilienflüsterer", und selbst der Präsident lädt ihn ein, seine Lilien in den Gärten des Weißen Hauses zu pflanzen.

Doch Sharp ist mit dem Unternehmen überfordert, und seine Firma gerät in eine finanzielle Schieflage. Er ist 78 Jahre alt, als sein Lebenswerk zusammenzubrechen droht.

Da macht ihm einer seiner Angestellten ein Angebot: Er kenne Menschen in Mexiko, die gut dafür bezahlen, wenn er ein Paket über die Grenze transportiere. Sharp ist verzweifelt, er stellt keine Fragen und willigt ein.

Aus einem einmaligen Auftrag wird schnell Regelmäßigkeit und Sharp zum Drogenkurier. Fast zehn Jahre lang schmuggelt er für das Sinaloa-Kartell Drogen über die Grenze. Sein Gewissen plagt ihn, doch die Mafia droht damit, seine Familie zu töten.

Das Ende eines Drogenimperiums

2011 wird Sharp schließlich von Sonderermittlern der Drogenbehörde verhaftet – in seinem Auto stellen sie 200 Kilogramm reinstes Kokain sicher.

"Er war der perfekte Drogenkurier", erklärt der Agent Jeremy Fitch, der an Sharps Verhaftung beteiligt war. "Niemand von uns hat damit gerechnet, dass ein 87-Jähriger für das Kartell Drogen schmuggeln könnte."

Vier Monate nach Sharps Verhaftung holen die DEA-Agenten zu ihrem finalen Schlag gegen das Sinaloa-Kartell aus. Leo Sharp hat den Ermittlern Informationen gegeben, die einen Großteil des Drogen-Netzwerks offenlegen.

Am 26. Februar 2012 werden zeitgleich in zehn amerikanischen Großstädten mehrere Wohnungen und Häuser von Sonderkommandos gestürmt.

Dabei finden die Ermittler Unmengen an Drogen, Waffen und Bargeld – in den Lüftungsschächten einer der Wohnungen stoßen sie auf ein Versteck mit mehr als 700 000 Dollar in bar, in einer anderen Wohnung finden sie mehrere Zehntausend Dollar.

Das Sinaloa-Kartell bricht zusammen

Nach wenigen Stunden haben die Ermittler genügend Beweise sichergestellt, um 19 der wichtigsten Kartellmitglieder vor Gericht zu bringen – 17 von ihnen bekennen sich schuldig, zwei fliehen und werden später tot aufgefunden.

El Chapo, der Kopf des Kartells, taucht unter und wird zu einem der meistgesuchten Menschen der Welt – doch auch er wird gefasst und am 12. Februar 2019 zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Plan der DEA-Agenten ist aufgegangen:

"Die Kokainpreise sind innerhalb kürzester Zeit derart nach oben geschossen, dass der Handel mit der Droge deutlich zurückgegangen ist", fasst der Staatsanwalt Chris Graveline zufrieden zusammen.

Das Gericht verurteilt die anderen Kartellmitglieder zu hohen Haftstrafen von bis zu 16 Jahren. Leo Sharp wird hingegen auf Grund seines Alters und mildernder Umstände nur zu drei Jahren Haft verurteilt.

Wegen gesundheitlicher Probleme wird er bereits nach zwölf Monaten wieder entlassen. Danach verliert sich seine Spur. Es ist lediglich bekannt, dass er am 12. Dezember 2016 im Alter von 92 Jahren auf Hawaii stirbt und auf der Insel begraben wird. Seine Lilienfarm existiert bis heute.

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