Mythen der Menschheit

Dieser Kaiser eroberte Jerusalem ohne einen Tropfen Blut zu vergiessen

Langsam hebt sich der fast zwei Tonnen schwere Deckel des Baldachinsarges von Friedrich II. – und ein Raunen geht durch die Reihen der anwesenden Wissenschaftler. Ziel der Graböffnung ist es, das Rätsel um den Tod des Staufer-Kaisers zu lüften.

Jerusalem
Jerusalem Foto: iStock / kirill4mula

Doch die mumifizierte Leiche im Sarkophag wirft völlig neue Fragen auf. Wer hat den Kaiser einbalsamiert? Wieso ist sein Gewand mit arabischen Schriftzeichen verziert? Und wo ist die Krone des Herrschers, der schon zu Lebzeiten die Menschen verwirrte – entweder als Antichrist verteufelt oder als "Staunen der Welt" verehrt. Fast scheint es, als wolle der geheimnisumwitterte Kaiser auch 768 Jahre nach seinem Tod seinen Mythos bewahren.

Friedrich ist kein gewöhnlicher Herrscher des Mittelalters. Der Enkel von Kaiser Barbarossa ist hochintelligent, spricht neben Latein auch Griechisch und Arabisch. Um seinen immensen Wissensdurst zu befriedigen, lebt er mit islamischen Gelehrten am Hof, studiert Mathematik, lässt antike Bücher übersetzen, erforscht selbst die Biologie der Tiere – zugleich versteht er sich als direkter Nachfahre von Jesus Christus. Fakt ist, dass der in Askese lebende Friedrich so selbstbewusst und klug ist, dass er sich von niemanden etwas vorschreiben lässt. Auch nicht von der Kirche.

Italien im Jahr 1228: 15 Jahre lang hat sich Friedrich den Kreuzzugsplänen des Papstes widersetzt. Doch nachdem Papst Innozenz III. den Kirchenbann über ihn ausspricht, muss Friedrich reagieren: Mit gerade einmal 600 Rittern und 3.000 Fußsoldaten bricht er auf, um eine Aufgabe zu lösen, an der Herrscher wie Richard Löwenherz, Friedrich I. und Philipp II. von Frankreich mit Heeren scheiterten, die insgesamt 30-Mal so groß waren wie das seine. Was niemand ahnt: Friedrichs beste Waffe ist nicht das Schwert – es ist sein Verstand.

Und so beginnt sein Kreuzzug nicht mit dem Morden, Vergewaltigen und Brandschatzen im Namen Gottes. Im Gegenteil. Kaum ist Friedrich in Akkon gelandet, sucht er Kontakt mit Sultan al-Kamil, lässt diesem kostbare Geschenke übermitteln. Ohne religiöse Vorurteile verhandelt Friedrich in fließendem Arabisch wochenlang mit dem Sultan auf Augenhöhe. Sobald die Gespräche stocken, leitet er geschickt zu Themen wie die bei den Arabern beliebte Falkenjagd über. Schließlich finden die Herrscher einen Kompromiss im "Pakt von Jaffa". Er sieht vor, dass der Sultan Jerusalem, Bethlehem, Lydda und Nazareth an die Christen übergibt. Im Gegenzug verpflichtet sich der Kaiser, weitere Kreuzzüge zu unterbinden – und sich im Heiligen Land für ein friedliches Miteinander zwischen Christen und Moslems einzusetzen. 15 Jahre hält der Frieden, der die Geburt eines Mythos ist: Als Friedrich 1229 zum König von Jerusalem gekrönt wird, hat er geschafft, was vor ihm keinem gelang – und das ohne auch nur einen einzigen Tropfen Blut zu vergießen.