Porträt

Was macht Christiane F. heute?

Christiane F., mit vollem Namen Vera Christiane Felscherinow, hat eine harte Jugend hinter sich: Drogen, Prostitution, Bahnhof Zoo. Was macht sie heute?

Christiane F.
Christiane F. 1983, in Hamburg Foto: IMAGO / Ilse Ruppert

Christiane Felscherinow: Drogen

Christiane F. wird als Vera Christiane Felscherinow am 20. Mai 1962 in Hamburg geboren, wo sie ihre sechs ersten Lebensjahre verbringt. Dann zieht die Familie nach West-Berlin in ein Hochhaus der Gropiusstadt im Problem-Stadtteil Neukölln.

Der Vater trinkt, das Familienleben ist wenig harmonisch. Dann lassen sich die Eltern scheiden. Felscherinow beginnt mit 12 Jahren, noch als Kind, Drogen zu nehmen, zwei Jahren später hängt sie an der Nadel, Heroin, und geht auf den Strich, um ihre Sucht zu finanzieren. Ihre Welt ist plötzlich eine andere. Der Mittelpunkt: Bahnhof Zoo. 

Die Mutter entdeckt erst später die zwei Leben, die ihre Tochter führt. Da steckt Felscherinow jedoch schon mitten in der Hölle. Eine Geschichte, die ein paar Jahre später so spektakulär in einem Buch zusammengefasst und dann nicht minder wuchtig verfilmt werden soll.

Der Stein kommt ins Rollen, als Flescherinow 1978 in einem Prozess als Zeugin aussagt. Zwei Reporter vom Stern, Kai Hermann und Horst Rieck, sind ebenfalls anwesend und bitten die junge Drogensüchtige um ein Interview zur Berliner Szene.

Was als Gespräch beginnt, wird später zu einem Buch, das ganz Deutschland kennt - und sogar in der tiefsten Provinz am anderen Ende des Landes haben alle ein Bild vor Augen, wenn die Rede vom Bahnhof Zoo ist. 

Christiane F. in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"

Es bleibt nicht bei einem Interview, Christiane erzählt ihre komplette Geschichte, woraus, kombiniert mit einer mehrmonatigen Recherche der beiden Journalisten das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" entsteht, welches sofort den ersten Platz der Spiegel-Bestseller Liste  belegt und diesen zwischen 1979 und 1981 auch nicht mehr hergibt.

Die deutsche Öffentlichkeit erfährt zum ersten Mal einen detaillierten Einblick in die Parallelwelt der Junkies und ist zeitgleich angewidert und fasziniert. 1981 nimmt sich Regisseur Uli Edel des Stoffes an und verfilmt das kaputte Leben der Christiane Felscherinow.

Für die Titelrolle wird die damals erst 13-jährige Natja Brunckhorst gewählt, ein Glücksgriff, wie sich herausstellt. Und gegen alle Wahrscheinlichkeit, dass ein unerfahrener Regisseur Anfang 30 eine Handvoll unbekannter, ebenfalls unerfahrener und sehr junger Schauspieler erfolgreich durch ein so schwieriges Sujet führen kann, gelingt das Unterfangen. Und wie!

Uli Edel gelang es sogar, David Bowie für sein Projekt "Bahnhof Zoo" zu gewinnen. Felscherinow hatte sein Konzert in Berlin wirklich besucht. Die Szenen wurden anschließend in New York nachgedreht - und mit Archivaufnahmen vermischt. 

Der Film vom Bahnhof Zoo, über ein Kind, das in die Drogensucht rein und nicht mehr herausfindet, wird einer der wenigen Welterfolge des deutschen Kinos und schlägt auch in Deutschland selbst wie eine Bombe ein. Unprätentiös, hart und ungeschminkt schildert er äußerst realistisch, was es bedeutet, regelmäßig harte Drogen zu konsumieren. Was es bedeutet, wenn der Bahnhof Zoo in Berlin der neue Lebensmittelpunkt eines Kindes wird. 

Christiane Felscherinow: Zweites Leben als Musikerin

Zunächst versucht Christiane V. Felscherinow ihre durch das Buch wie den Film plötzliche Bekanntheit dafür zu nutzen, in der Musikbranche Fuß zu fassen. Sie beginnt ein zweites Leben unter dem Decknamen des alten.

Ab 1981 startet sie eine Karriere als Sängerin. Manchmal tritt sie unter dem Namen "Christiane F." auf, manchmal auch als "Christiana", mit ihrem Lebensgefährten Alexander Hacke auch unter dem Namen "Sentimentale Jugend" auf. 

Auch in Filmen spielt sie mit. Sowohl in "Neonstadt" (1981) als auch "Decoder" (1983) übernimmt sie die Hauptrolle. 1983 steht eine Promotiontour für den Film "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" durch die USA an. 

Trivia: Christiane F. und Nena

Felscherinow hat eine Kassette mit Nenas erstem Hit "99 Luftballons" in den USA dabei, die sie einem DJ im Zuge eines Radio-Interviews in die Hand drückt.

Der Song wird gespielt, zahlreiche Hörer wollen wissen, wer das ist, was der Verbreitung des Songs und der Menge seiner Airtime massiv zugute kommt. Der Song erreicht Platz 2 der Single Charts - und das sogar im deutschen Original. Ähnliches gelang nur Kraftwerk mit "Autobahn", ein Jahrzehnt zuvor.

Auch das Album klettert in den Charts hoch bis auf Platz 27. Die Katze ist damit aus dem Sack, Nenas Welthit nicht mehr aufzuhalten.

Christiane Felscherinow: Sohn

Zwischen 1987 und 1993 lebt Christiane in Griechenland. 1996 wird ihr Sohn Philipp geboren, Christiane wohnt mit ihm in Teltow und in Berlin. Über ihren Drogen-Status, ob sie noch abhängig von Heroin ist, gibt es keinen einheitlichen Konsens. Eine Zeit lang gilt sie als clean, dann scheint es Rückfälle zu geben.

2008 entzieht ihr das Jugendamt das Sorgerecht für ihren Sohn, 2010 erhält sie es wieder, nimmt ihn allerdings nicht zu sich. Ihr Körper zahlt noch immer den Preis jahrelanger Heroinsucht. Hepatitis C ist da nur ein Teilaspekt. Hinzu kommen Schweißausbrüche und heftige Schmerzen, die nicht therapiert werden können.

Was macht Christiane F. heute?

2013 ist Christiane F., mittlerweile 51 Jahre alt, ist sie wieder in der Öffentlichkeit - genau gesagt auf der Büchermesse Frankfurt mit ihrer hoffnungsvollen Autobiografie "Christiane F. – Mein zweites Leben" vertreten. Das Buch ist ein schonungsloser Bericht über genau das: ihr zweites Leben nach und doch auch mit der Sucht. Ein Teil des Verkaufs-Erlöses fließt in die Christiane-F-Stiftung, die Kinder von suchtkranken Eltern unterstützt.

Anfang 2014 gibt Christiane Felscherinow in ihrem Blog ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit bekannt. Als Gründe werden ihre schlechte Gesundheit genannt und das daraus resultierende Unvermögen, mit den namenlosen, anonymen Kritikern im Internet umzugehen. Christiane F. ist noch da, aber sie hat keine Kraft mehr.

Auch, wenn die leibhaftige Christiane F. keine Interviews mehr gibt und keine Lesereisen unternimmt – ihr Thema ist nach wie vor akut. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es auch immer wieder neu aufgesetzt wird. 2021 wurde für Amazon Prime Video der Film von damals zu einer Serie umgestellt und abgedreht.

Der Achtteiler hat ein Budget von 25 Millionen Euro und ist damit die teuerste deutsche Serie aller Zeiten. Die Rolle der Christiane F. übernimmt die Wiener Schauspielerin Jana McKinnon. In der Serie steht allerdings nicht Christiane im Mittelpunkt, vielmehr wird das Leben der gesamten Freundesgruppe gleichmäßig ausgeleuchtet.

Der Mythos Christiane F. ist über den Mensch hinausgewachsen. Ob sich die Frau selbst die Serie anschauen wird, ob sie ihr Leben, das sie als Kind geführt hat, nochmal sehen will?

Zuletzt soll sie übrigens wieder vermehrt in der Drogenszene am Kottbusser Tor in Berlin gesehen worden sein. Ob ihr Leben sich jedoch wirklich dorthin entwickelt hat, wissen wir nicht. Sie soll laut Medienberichten noch heute von den Einnahmen des Buches leben, das damals vom Stern herausgegeben wurde. 

So sieht Christiane Felscherinow heute aus

Christiane F.
Christiane F., auf der Frankfurter Buchmesse 2013 Foto: Getty Images / Hannelore Foerster