Cannabis

Sisters of the Valley: DAS ist der Orden der Rausch-Schwestern

Die Sisters of the Valley sind keine Nonnen im klassischen Sinne. Statt Weihrauch verbrennen sie Cannabis und haben damit eine Marktlücke erschlossen.

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Heiliges High: Die Kiffernonnen aus Kalifornien Foto: Matador / Shaughn Crawford
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Sisters of the Valley: Kiffer-Nonnen aus Kalifornien

Es ist 9 Uhr morgens. Überall im Land füllen sich die Kirchen mit Gläubigen. Doch in einem unscheinbaren Haus im Nordosten Kaliforniens trifft sich eine kleine Gemeinschaft, um ihrer ganz eigenen Form von Spiritualität nachzugehen.

Während die Dominikaner durch ihre Vorreiterrolle zur Zeit der Inquisition im Volksmund "Hunde des Herrn" (Domini Carnes) genannt wurden, könnte man die Sisters of the Valley als die Grasfarmer des Herrn bezeichnen.

Mit Marihuana die Welt heilen. Klingt wie die im Rauschzustand geborene Idee eines Woodstock-Veteranen. Doch die Vision der selbsternannten Nonnen ist mehr als eine durchgeknallte Weltverbesserer-Ideologie auf CBD-Basis.

"Als der US-Kongress im Oktober 2011 erklärte, Pizza sei ein Gemüse, erklärte ich mich zur Nonne", erinnert sich die Gründerin der Gruppe, Schwester Kate, mit einem Augenzwinkern. Bereits 2010 war sie Teil eines Kollektivs in Kalifornien, das nicht rauchbares Cannabis für den medizinischen Gebrauch anbaute.

Da diese Form der Therapie noch äußerst skeptisch betrachtet wurde, konnte sie ihre Produkte nur über die behandelnden Ärzte direkt vertreiben. Vor allem Patienten im Endstadium schwerer Erkrankungen, die dem Tod bereits Auge in Auge gegenüberstanden, wurden mit ihren Erzeugnissen als Schmerzmittel versorgt.

Um die Einnahme möglichst angenehm zu gestalten, verarbeitete sie das Cannabis zu Tinkturen und Tees weiter. Hierbei wird das Endprodukt mit Cannabidiol, einem kaum psychoaktiven Wirkstoff, der unter anderem entzündungshemmend und beruhigend wirkt, angereichert.

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Foto: Matador / Shaughn Crawford

Nach drei Jahren beschloss sie, das Projekt nicht weiter fortzuführen, stattdessen neue Produkte zu entwickeln. 2015 gründete Schwester Kate mit zwei Gleichgesinnten, Freya und Claire, dann die Firma Sisters of the Valley, in die sie fortan ihre Erfahrung als Geschäftsfrau einfließen ließ.

Sisters of the Valley: Karrierefrauen gründen Pseudo-Orden

Bei den drei Frauen handelt es sich keineswegs um durchgeknallte Spät-Hippies, sondern um Visionärinnen mit Karrierehintergrund. Nach einem Studium der Wirtschaftspädagogik an der Universität von Wisconsin arbeitete Schwester Kate viele Jahre in der Kreditkarten- und später in der Telekommunikationswirtschaft.

Schwester Claire war in ihrem früheren Leben als Traderin an der Börse in Montreal tätig, bis sie für JP Morgan nach London und dann weiter nach Amsterdam ging. Schließlich gelang es Kate aber, Claire von ihrer Idee zu überzeugen, woraufhin diese sich dem Projekt anschloss.

Schwester Freya ist die Einzige im Orden, die gebürtig aus Merced stammt, wo sich der Firmenhauptsitz befindet. Ihr vorheriges Leben verdingte sie als Tierpflegerin, bis sie den Job zugunsten ihrer Kinder aufgab.

Die Alternativen der pflanzlichen Medizin weckten schon früh ihr Interesse, weshalb sie einen Abschluss in "Ganzheitlicher Medizin" am Global College of Natural Medicine in Santa Cruz absolvierte.

Anders als etwa in der katholischen Kirche war das ökonomische Know-how also gegeben. Religiosität spielt neben hartem Business aber auch eine Rolle.

Die "Schwestern" verstehen sich als Beginen-Gemeinschaft, einer aus dem Mittelalter stammenden Form religiösen Zusammenlebens ohne Ordensgelübde oder die Isolation eines Nonnenklosters.

Ihre Spiritualität ist eine Mischung aus New-Age-Bewegung und indianischem Schamanismus. Sie setzen sich mit einer Programmschrift vom als nicht naturverbunden wahrgenommenen Christentum ab, zu dem sie keinerlei Bezug haben.

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Für die Sisters of the Valley ist Cannabis Rausch- und Heilmittel zugleich. Foto: Matador / Shaughn Crawford

In diesem holistischen Weltbild hat jede Verletzung der Natur auch Einfluss auf die Gesundheit des Menschen, weshalb Harmonie und Ausgleich mit der Natur zu ihrem Streben gehört.

Aufbau einer neuen, spirituellen Cannabis-Kultur

"Dieses Projekt ist eine Gelegenheit, all die Frauen und Männer auf diesem Planeten zu vereinen, die bereits versuchen, cannabis-basierte Medizin und Ernährung voranzubringen.

Es ist auch eine Gelegenheit, etwas Spirituelles und Starkes für junge Menschen aufzubauen, die nach mehr verlangen, als es die ermüdenden, traditionellen Religionen zu bieten haben", erklärt Schwester Kate.

Ihre Farm nahe Merced mitten in Kalifornien hält dafür optimale Voraussetzungen bereit. "Wir besitzen einen Morgen Land, auf dem zwei Häuser stehen. Zwei Schwestern leben auf der Farm, zwei in der direkten Umgebung."

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Der Ort ist dabei keineswegs zufällig gewählt. In dieser Region ist die Mehrheit hispanischer Abstammung und die Armut groß.

"Die Leute hier haben seit Generationen gelernt 'autark' zu leben. Es ist abscheulich: Wir haben großartige Böden, ideales Wetter und tolle mexikanische Farmer, doch weil die Gesetzgebung weiß, privilegiert und reich ist, verschließt sie sich gegen Cannabis und neue Industrien, die wieder Hoffnung für die verarmte Mehrheit bedeuten könnten. Wir kamen hierher, weil wir gerufen wurden."

In ihren Worten schwingt Schwester Kates tiefes religiöses Selbstverständnis mit. Die gesamte Region Zentralkaliforniens, die Städte und Kommunen haben sich gegen den Anbau von Cannabis ausgesprochen, und das in ihren jeweiligen Stadt- und Gemeindeverordnungen auch zum Ausdruck gebracht.

"Was das angeht, sind sie selbstgerecht, aber sie liegen falsch. Das ist unser Kampf. Das ist der entscheidende politische Kampf dieses Millenniums."

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Der Kühlschrank ist gefüllt mit mehreren Kilogramm Gras. Foto: Matador / Shaughn Crawford

Solche Aussagen klingen für europäische Ohren in Zeiten einer Trump-USA verwunderlich, doch ist es Kate wichtig klarzumachen, dass eine Legalisierung des Cannabis-Anbaus zum einen ein ökonomischer Fortschritt wäre, zum anderen aber auch als Signal für Veränderung gewertet werden könnte.

"Sie geben sich damit zufrieden, die meisten Meth-Süchtigen, die schlechtesten öffentlichen Schulen, die schlechteste Wasser- und Luftqualität zu haben. Wir müssen das ändern." In ihrem ganzheitlichen Verständnis hängen Drogengesetze und soziale sowie ökologische Missstände wie selbstverständlich zusammen.

Der Orden operiert in einer Grauzone

Zurzeit arbeiten die Schwestern in einer rechtlichen Grauzone. Zwar haben sie eine offizielle Geschäftslizenz, doch versuchen die Behörden auch den medizinischen Cannabisanbau zu verbieten. Wie Verbrecher, die dem Reiz des Verbotenen erlegen sind, kommen sie sich aber nicht vor.

Begleitet man sie bei ihren Tätigkeiten, wirkt die Farm eher wie ein ganz normaler Bauernhof, auf dem eben besondere Kräuter angebaut werden. Im alltäglichen Betrieb hat jede Schwester ihre festen Aufgaben.

Jeden Montag gibt es eine Mitarbeiterversammlung, jeden Donnerstag werden betriebswirtschaftliche Fragen besprochen und jeden Mittwoch finden Schulungen statt. Trotz allem will sich das Unternehmen als spirituelle Institution positionieren und räumt allen Schwestern Freiräume für ihre geistige Entfaltung ein.

Da es aber natürlich kein erfolgreiches Unternehmen ohne Expansion geben kann, sind die Ziele des Ordens für Kate klar: "Wir wollen Schwestern und Brüder in jeder Stadt und Provinz auf dem Globus für uns gewinnen, vereint durch die Idee, Aktivisten für pflanzliche Heilmittel zu sein."

Für dieses Ziel gehen die Schwestern in die Offensive. Seit ihrer Gründung haben sie sich vehement um Öffentlichkeitsarbeit bemüht. Man merkt ihnen an, dass zwei ihrer Gründerinnen aus der Wirtschaft kommen.

Sie reisen viel, um ihr Anliegen zu bewerben, treten in Talkshows und Radiosendungen auf. Es geht ihnen um "mehr Sichtbarkeit, denn die hilft, die Leute zusammenzubringen, die zusammengebracht werden müssen, um den Orden weltweit entschlossen und schnell wachsen zu lassen", erklärt Kate.

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Qualität der Ware hat oberste Priorität

Beim Umgang mit ihrer Ware ist den Schwestern die Qualität das Wichtigste. "Wir bemühen uns, hervorragende Produkte zu produzieren, hervorragenden Kundenservice zu bieten und unseren Glauben und unser Können in alles zu stecken, was wir tun."

Das wissen die Käufer längst zu schätzen. Sie kommen aus aller Welt und sind zum Teil bereits treue Stammkunden.

Zu den beliebtesten Produkten zählen eine Cannabidiol-Salbe, die unter anderem gegen Migräne, Hautausschläge oder Schlafstörungen helfen soll, ein mit demselben Inhaltstoff versetztes Öl und eine Cannabidiol-Tinktur, die gegen Angstzustände helfen soll.

Diese drei Produkte machen allein gut 95 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die Kraft der Pflanze erkennen und sinnvoll einsetzen. Im Grunde so einfach und doch ein Resultat von großer Experimentierbereitschaft.

"Dieselbe Medizin lindert nicht zusammenhängende Symptome oder Probleme und die einzige Art, wie wir es beschreiben können – da die wissenschaftliche Forschung zu dem Heilmittel Cannabis seit Jahrhunderten geächtet wird –, ist, es 'magisch' zu nennen.

Die Wissenschaft wird uns irgendwann sicher erklären können, was passiert, aber vorläufig nennen wir es 'den Körper dazu bringen, sich selbst zu heilen'."

Der sarkastische Unterton in Kates Worten spricht Bände, trifft aber auch immer -regelmäßiger- auf offene Ohren. Die Forschung ist zunehmend gewillt, Cannabis als medizinische Pflanze zu untersuchen, und bestätigt in vielen Fällen ihre Wirksamkeit bei der Schmerztherapie.

Die Liebe zu ihrem wichtigsten Rohstoff leben die Schwestern auch neben der Arbeit ungeniert aus. "Wir finden Frieden und Gemeinschaft darin, zusammen einen Joint zu rauchen, wobei nicht alle von uns kiffen.

Zwei von uns haben nie geraucht und werden wohl auch nie rauchen. Einige machen es täglich, als Medizin, einige monatlich mit dem Mondzyklus als spirituelles Ritual", erklärt Schwester Kate.

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Auch nach dem Tagewerk wissen die Schwestern das Cannabis zu schätzen. Foto: Matador / Shaughn Crawford

Ob der Orden sich tatsächlich über den Globus ausbreiten wird, ist aktuell kaum vorhersehbar. Die Liberalisierung des Umgangs mit Cannabis nimmt selbst in Europa zu und schafft damit gute Voraussetzungen.

Fraglich ist wahrscheinlich eher, ob sich diese Form des New-Age-Spiritualismus nicht zu sehr mit dem Betrieb eines gewinnorientierten Unternehmens beißt.

Um Schmerzpatienten auch zukünftig Linderung auf pflanzlicher Basis bieten zu können, werden die Sisters of the Valley den Kampf für den Anbau von Cannabis auf jeden Fall nicht ruhen lassen und bei dem ein oder andern Joint wohl noch jede Menge Frieden finden.

Über Matador Matador, das Magazin, richtet sich an echte Männer, die Qualität schätzen und gern schöne Dinge besitzen.

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