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Dunkle Geheimnisse

Die größten Tabus der Weltgeschichte

Im Lauf der Menschheitsgeschichte gab es immer wieder dunkle Geheimnisse, versteckte Intrigen und unsagbare Verbrechen, die nie öffentlich werden sollten. Gemeinsam mit renommierten Historikern ist wdw zehn Fragen nachgegangen, die lange Zeit verboten waren – und stieß dabei auf schockierende Antworten.

Das sind die Tabus der Geschichte
Das sind die Tabus der Geschichte iStock / Inkout

1. Tabu: Die verbotenen Evangelien

Oberägypten, 1945: Der Bauer Muhammad Ali findet unweit der Stadt Nag Hammadi ein vergrabenes Tongefäß. Darin entdeckt er alte, in Leder gebundene Bücher. An diesem Tag befreit Ali, was lange tabu war: die verlorene Geschichte von Jesus.

Seit mehr als 1600 Jahren hat die Kirche versucht, die sogenannten gnostischen Evangelien (Apokryphen) aus der Geschichte zu tilgen. Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf das 4. Jahrhundert n. Chr. Als Kaiser Konstantin in Rom das Christentum zur Staatsreligion erklärt, existieren bereits Hunderte Glaubensrichtungen, und jede kennt ihr eigenes Evangelium.

Die Folge: inhaltliche Konflikte und ein Machtkampf über die Ausrichtung der Kirche. Schließlich setzen sich die vier Evangelien durch, die im Kern als Neues Testament bekannt sind. Alle übrigen werden verbannt. 1945, nach Muhammad Alis Entdeckung, aber kommen Fragen auf. War Jesus verheiratet?

Bis heute begründet sich das Zölibat auf der Annahme seiner Enthaltsamkeit. Fakt aber ist: Jesus war Jude und Rabbi – und damit gemäß damals herrschender Glaubensgrundsätze wohl auch Ehemann und Vater. Die Kirche verschweigt: Einige gnostische Evangelien kennen womöglich den Namen seiner Frau: Maria Magdalena.

Jene Frau, der er nach der Auferstehung zuerst erscheint; die er laut dem in Nag Hammadi gefundenen Philippus-Evangelium "immer auf den Mund küsst" und "mehr liebt als alle anderen Jünger". Würdigten männliche Kirchenoberhäupter die Rolle der Frau während der Entstehung des Christentums systematisch herab?

Weil Jesus womöglich gar nicht Petrus den Auftrag gab, seine Kirche zu gründen, sondern seiner Frau? Auch ein anderer in Nag Hammadi gefundener Text gibt Rätsel auf: Das „Thomas-Evangelium“ beginnt mit dem Satz: "Dies sind die geheimen Worte, die Jesus, der Lebendige, sprach" – und wird dennoch ignoriert. "Womöglich, weil es erwähnt, dass Jesus einen Zwillingsbruder hatte", sagt Elaine Pagels (Uni Princeton).

Für dieKirche ein Sakrileg! Die Bibelforscher Peter Gandy und Timothy Freke halten das Neue Testament gar für ein Plagiat, das sich von älteren Mythen ableitet. Tatsächlich ähnelt z. B. die Sage von Osiris verblüffend der Jesusgeschichte: Er ist Gottes fleischgewordener Sohn, erlöst die Menschheit, wird von einer Jungfrau am 25. Dezember geboren, und verwandelt Wasser in Wein.

2. Tabu: Tödliche Erfindungen

Stellen sie sich vor, Sie erfinden ein emisionsloses, auf Wasserstoff basierendes Antriebsystems, das den Ottomotor ablöst. Sie würden es schnell mit Gegenspielern zu tun bekommen, die nicht glücklich wären über Ihre Erfindung. Womöglich würde Ihre Entdeckung verschwinden. Ebenso wie Sie. Darüber sprechen wiederum würde niemand.

So wie im Fall von Tom Ogle. Der Mechaniker meldet 1977 ein Patent für den "Ogle-Super-Carburetor" an, ein neuartiges Vergasersystem, das die Reichweite eines Benzinmotors mehr als vervierfacht. Allerdings würde Ogle damit das Geschäft der Öl- und Autoindustrie gefährden. Und die weiß sich zu verteidigen.

Sie bieten Ogle viel Geld für sein Patent, um es danach in einem Tresor verschwinden zu lassen. Ogle jedoch will seine Erfindung selbst vermarkten. Nun reagieren dieKonzerne mit Patentklagen. Spezialisierte Anwaltskanzleien (sogenannte "Patent-Trolle") klagen gegen Ogles patentierten Vergaser.

Dabei behaupten sie, Komponenten seien bereits patentiert – obwohl diese (z. B. Ventile) zum allgemeinen Aufbau eines Vergasers gehören und seit Jahrzehnten verbaut werden. Das Problem: Beim Patent-Trolling, das bis heute zum Standard-Repertoire großer Konzerne gehört, kommt es gar nicht darauf an, einen Prozess zu gewinnen.

Der Zweck ist erfüllt, wenn Vergleiche, lange Prozesse und Anwaltskosten zum Aufgeben der Erfinder führen. Ogle aber lässt sich nicht einschüchtern. 1981 wird er von einem Unbekannten angeschossen – und überlebt. Kurz darauf stirbt Ogle allerdings unter dubiosen Umständen an einer Überdosis Schmerzmittel, die er sich angeblich versehentlich selbst verabreicht hat. Sein Vergaser verschwindet im Dunkel der Geschichte.

Ein anderes Beispiel ist Jan Sloots. 1995 entwickelt er ein Kodierungsverfahren, das alle bekannten Speichermethoden wertlos machen würde. Diverse Megakonzerne treten an Sloot heran, bieten Geld für das Patent – darunter Tech-Riesen wie Computer Associates, Sun Microsystems oder Investoren wie die Großbank ABN AMRO.

Als dann bekannt wird, dass er einen unbekannten Partner ins Boot holen will, scheint den ausgebooteten Megakonzernen ein Multimilliarden-Dollar-Geschäft zu entgehen. Doch in letzter Sekunde kommt es anders: Am 11. Juli 1999, ein Tag vor der entscheidenden Vertragsunterschrift, stirbt Sloot an Herzversagen.

3. Tabu: Die Kriegsverbrechen des Westens

Die Plünderungen dauern fast eine Woche an. Straßenzüge werden in Brand gesetzt. Gleichzeitig beginnt eine gnadenlose Jagd – auf Frauen und Mädchen. Soldaten verprügeln und missbrauchen ihre wehrlosen Opfer, eine örtliche Ärztin gibt später an, dass allein sie mehr als 600 vergewaltigte Frauen behandelt hat.

Was klingt wie ein Auszug aus dem Gräueltaten-Verzeichnis der Nazis oder wie ein Bericht über die Kriegsverbrechen der Russen im Zweiten Weltkrieg, ist in Wahrheit das grausame Werk der westlichen Alliierten, die im April 1945 den baden-württembergischen Kurort Freudenstadt tyrannisieren.

Ein Tabu-Thema, über das bis heute kaum gesprochen wird – dabei waren die Vergewaltigungsschwadronen der Franzosen, Amerikaner und Kanadier keineswegs eine Ausnahme. Vom bayerischen Bad Reichenhall über Stuttgart und Pforzheim bis ins Emsland – in Hunderten Orten in Deutschland vergewaltigten westliche Alliierte Zivilisten.

Allein für die US-Besatzungszone gibt es Schätzungen, nach denen bis zu 15 000 Frauen missbraucht worden sind – und das, obwohl der Krieg schon beendet war. Aber wieso tauchen in den Chroniken des Zweiten Weltkriegs so selten Berichte über diese Verbrechen der vermeintlichen Befreier auf?

Dieser Frage gingen die Journalisten Maximiliane Saalfrank und Thies Marsen nach. Dabei stießen sie gleich auf eine doppelte Tabuisierung der Ereignisse. So war es zum einen verpönt, schlecht über die westlichen Alliierten zu reden.

Immerhin galten sie als Befreier. Zum anderen war besonders im katholischgeprägten Süden Deutschlands die Sexualität noch ein großes Tabuthema. Frauen, die außerehelichen Geschlechtsverkehr hatten, waren als Flittchen gebrandmarkt – selbst wenn der Akt gewaltsam erzwungen worden war.

Zudem gab es im Chaos des Kriegsendes keine Verwaltung und Polizei mehr, bei der man Vergewaltigungen anzeigen konnte. "Über sexuelle Gewalttaten durch Angehörige der westlichen Alliierten wurde nicht gesprochen. Die Opfer und ihre Familien schwiegen, um in ihren Dörfern und Stadtvierteln ohne gesellschaftliche Ächtung weiterleben zu können", sagt Saalfrank, die mit Dutzenden Opfern sprach.

Und so wurde die Schuld der Alliierten von einer kollektiven Amnesie zugedeckt – es entstand ein Tabu, das bis heute, fast 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, fest in unserer Gesellschaft verankert ist.

4. Tabu: Die Naziakte des BND

New York, 2001: Zwei Flugzeuge rasen ins World Trade Center, kurz darauf ruft George W. Bush den Krieg gegen den Terror aus. Dagegen scheint das, was im selben Jahr in Damaskus geschieht, wie eine Randnotiz: Eines Morgens wird auf dem Friedhof Al Affif ein "Doktor Georg Fischer" bestattet.

Hinter dem Decknamen verbirgt sich aber einer der größten Massenmörder der Geschichte – der frühere SS-Mann Alois Brunner, genannt "der Bluthund". Die rechte Hand von Adolf Eichmann war für die Ermordung von mindestens 128.500 Juden verantwortlich.

Doch während Eichmann um die halbe Welt gejagt und später gehängt wurde, konnte Brunner jahrzehntelang unbehelligt in Damaskus seinen Lebensabend genießen. Wie war das möglich?

Der Autor Christian Springer hat Nachforschungen angestellt und ist dabei auf ein Tabu gestoßen, das noch immer kaum jemand anzusprechen wagt: Brunner hatte nach dem Krieg mächtige Helfer – das braune Netzwerk reichte bis ins Auswärtige Amt, in den Bundesnachrichtendienst und in die Medien.

Trotz Haftbefehls findet er so dank der Hilfe von Nazi-Veteranen, dienach dem Krieg in der BRD Karriere gemacht haben, Zuflucht in Ägypten, ehe er mit dem Pass eines früheren SS-Kameraden, Dr. Georg Fischer, nach Syrien übersiedelt.

In Damaskus zeigt Brunner dem späteren Präsidenten Hafiz al-Assad, wie man einen Polizeistaat aufbaut, er bildet Geheimdienstleute aus, bringt ihnen die Foltermethoden der Nazis bei. Im Gegenzug wird er vom Regime bezahlt; er bezieht ein Haus im Diplomatenviertel, vor dem Männer mit Kalaschnikows wachen.

Von den Bonner Nahost-Vertretungen hat er nichts zu befürchten – der Generalkonsul in Damaskus war am Holocaust in Bratislava beteiligt, der Botschafter im Libanon an der Judenverfolgung in Monaco. Wo man auch nach Brunner fragt – Schweigen.

Aus gutem Grund: Geheimakten offenbaren, dass das Auswärtige Amt all die Jahre Kontakt zu ihm hatte, ihm immer wieder half – etwa um seinen Pass zu verlängern. Beim BND existierte eine knapp 600-seitige Brunner-Akte, ehe sie Mitte der Neunziger Jahre spurlos verschwand.

Christian Springer begreift schließlich, dass er nur in Syrien Antworten finden wird. Immer wieder reist er nach Damaskus, doch die deutsche Botschaft dort reagiert zunehmend gereizt auf seine Fragen: "Brunner ist tot, verstehen Sie das endlich!"

5. Tabu: Die verlorenen Atombomben der USA

Am Morgen des 17. Januar 1966 geht über dem spanischen Dorf Palomares ein B-52-Bomber auf Rendezvouskurs mit einem KC-135-Tankflugzeug. Zunächst läuft alles nach Plan – dann streift derTankrüssel der KC-135 den Metallrücken des Bombers.

Funken entzünden ausströmenden Treibstoff, verwandeln das mit Kerosin gefüllte Flugzeug in einen Feuerball. Vier Soldaten sterben. Und: Neben Trümmerteillen regnen auch vier Bomben vom Himmel. Bei zweien öffnet sich der Fallschirm nicht, sodass sie auf dem Boden detonieren – und 180 Hektar mit radioaktivem Plutonium verseuchen.

Eine weitere Bombe wird wenig später unbeschädigt gefunden, dievierte stürzt ins Mittelmeer, bleibt monatelang verschwunden.

Das Erschreckende: Palomares ist kein Einzelfall – allein die USA vermissen bis heute offiziell elf voll explosionsfähige Bomben. Unabhängige Schätzungen gehen sogar von bis zu 700 Zwischenfällen aus, bei denen 1250 Kernwaffen im Spiel waren.

Mal verschwindet ein Flugzeug mit Kernsprengsätzen über dem Atlantik, mal geht ein mit Atom-Torpedos bestücktes U-Boot unter, mal rollt eine Bombe von einem Flugzeugträger. Da solche „Zwischenfälle“ ein Tabu darstellen, das der Öffentlichkeit verschwiegen werden soll, wird bei jeder verlorenen Atomwaffe der Code „Broken Arrow“ ausgerufen – Nachrichtensperre inklusive.

Der Grund für die Häufung der Unfälle liegt im Kalten Krieg: Von 1960 bis 1968 patrouilleren rund um die Uhr US-Bomberstaffeln nahe des sowjetischen Luftraumes. Ihre Mission ist es, im Falle eines nuklearen Erstschlags innerhalb kürzester Zeit einen massiven Vergeltungsschlag zu fliegen. Jeder der US-Bomber trägt vier Wasserstoffbomben mit der100-fachen Sprengkraft der Bomben von Hiroshima und Nagasaki.

Erst nach einem weiteren Unglück in Grönland beendet die US Air Force die Operation – Interkontinentalraketen machen es möglich, auf die teuren Luftpatrouillen zu verzichten. Seit 1968 ist daher nach offiziellen Angaben keine US-Nuklearwaffe mehr verloren gegangen.

Wie viele jedoch noch immer auf dem Globus verstreut liegen, weiß niemand: "Es wird angenommen, dass weltweit bis zu 50 Nuklearwaffen während des Kalten Krieges verlorengegangen sind", sagt Otfried Nassauer, Experte für Nuklearrüstung.

6. Tabu: Martin Luther und die "Endlösung"

Am Ende ist alles Leugnen zwecklos: Am 1. Oktober 1946 wird Julius Streicher, Herausgeber der Hetzschrift "Der Stürmer", im Zuge derNürnberger Prozesse zum Tode verurteilt.

Seine wütende Antwort: "Wenn Martin Luther heute lebte, dann säße er hier an meiner Stelle!" Ein Satz, der aus heutiger Sicht ungeheuerlich erscheint – wurde mit dem 31. Oktober doch gerade jenes Datum zum gesetzlichen Feiertag in Norddeutschland erklärt, an dem Martin Luther 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, "als Tag des Brückenschlags zwischen den Religionen".

Doch war Luther tatsächlich der Brückenbauer zwischen den Religionen? Oder ist etwas an Streichers Worten dran?

Ein Blick ins Jahr 1543: Luther veröffentlicht seine Schrift "Von den Juden und ihren Lügen". "Die Juden sind ein solch durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen und noch sind", ist dort zu lesen.

Luther stellt sieben Forderungen auf, die vorwegnehmen, was knapp 400 Jahre später grausame Wirklichkeit wird. So verlangt er mit Blick auf die Juden, "dass man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke", "dass man ihren Rabbinern alle Barschaft und Kleinode an Silber und Gold nehme."

Für weite Teile der evangelischen Kirche sind diese Äußerungen noch immer ein Tabu – sie werden maximal als antijudaistisch angesehen, nicht aber als antisemitisch. Kirchenhistoriker Heiko Augustinus Oberman sieht das anders.

Das Thema "Juden" sei "keine schwarze Sonderseite" in Luthers Werk, sondern "zentrales Thema seiner Theologie". Sein Kollege Thomas Kaufmann spricht gar im Zusammenhang mit Luthers Hetzschriften von einer "literarischen 'Endlösung der Judenfrage'": "Es ist nicht auszuschließen, dass diese Schriften, die jahrhundertelang unbeachtet geblieben sind, eine unheilvolle Wirkung in der Vorgeschichte des Holocausts ausgeübt haben und damit so etwas wie Ermöglichungsfaktoren des eliminatorischen Antisemitismus der Nazis geworden sind."

Fakt ist, dass die evangelische Kirche Hitlers antisemitische Politik unterstützt. Und auch Hitler selbst hebt immer wieder seine Wertschätzung für den Reformator und dessen Schriften hervor. Am 10. November 1938 brennen schließlich tatsächlich dieSynagogen – ausgerechnet an Luthers Geburtstag.

7. Tabu: Die verbannte Dynastie

Als Howard Carter 1922 die Gruft des Tutanchamun öffnet, ist dieSensation perfekt: ein unberührtes Pharaonengrab! Fast 80 Herrscher wurden im Tal der Könige beigesetzt, alle Gräber mehrfach ausgeraubt, nur dieses eine nicht.

Tutanchamuns Regentschaft galt lange als unbedeutend. Doch entscheidend ist die Vorgeschichte: Er war derSohn von Echnaton und Nofretete – und dieses Pharaonenpaar entfesselte eine Revolution, indem es einen einmaligen Tabubruch beging: Es schwor allen alten Göttern ab und ersetzte sie durch einen einzigen – Aton.

Doch die Revolte misslang, Echnaton und seine Frau wurden selbst gestürzt. Ihr Sohn wurde von Priestern als Marionette eingesetzt, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Als das Werk vollbracht war, starb der junge Pharao.

Ob es Mord war, wird wohl nie geklärt werden. Fakt ist aber, dass die Priester nach seiner Beisetzung versuchten, alle Hinweise in den Chroniken zu tilgen: Sein Grabmonument wurde nie fertiggestellt, die Namen Echnaton und Tutanchamun verschwanden aus den meisten Inschriften und Aufzeichnungen – die 18. Dynastie wurde zum Tabu, als hätte sie nie existiert.

Tutanchamun geriet schon Jahrzehnte nach seinem Tod in Vergessenheit. Räuber konnten sein Grab nicht finden – es lag unter einem Schuttberg. Auch eine damals übliche offizielle Auflösung durch die Priester (man nutzte Beigaben aus alten Gräbern für neue Bestattungen) unterblieb, weil man schlicht vergessen hatte, dass er je existierte.

Ironie der Geschichte: Heute ist der Pharao, den man verschwinden lassen wollte, der mit Abstand bekannteste.

8. Tabu: Der Kreuzzug gegen die Christen

"Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit." Dieses Zitat des antiken Dramatikers Aischylos hat sich bis heute tausendfach bewahrheitet – so auch im Herbst 1208: Europa ist im Umbruch. Die verarmte Landbevölkerung sucht ihr Glück in den schnell wachsenden Städten.

Doch die Menschen finden erneut nur Not. Im Zuge großer sozialer Umwälzungen wächst im Süden Frankreichs eine Hunderttausend Mann starke neue christliche Glaubensmacht heran, die sich Albigenser nennt (nach der französischen Stadt Albi).

Ihre Gegner bezeichnen sie als Katharer – woraus sich der spätere Ausdruck "Ketzer" ableitet. Die christliche Splittergruppe besteht aus Menschen, die nichts zu verlieren haben und daher zu allem entschlossen sind. Sie werden von charismatischen Führern geleitet, und täglich strömen neue Gefolgsleute herbei.

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#bravery in the name of #god

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Papst Innozenz III. in Rom sieht die Entwicklung mit großer Sorge. Er befürchtet eine religiöse Revolution, einen Anschlag auf die Macht und Vorherrschaft der Kirche. Und um diesen abzuwehren, entwickelt er einen perfiden Plan: Innozenz erklärt die Glaubensgemeinschaft kurzerhand für "ungläubig" und macht mit einem Federstrich mehr als Hunderttausend Menschen zu Vogelfreien.

Damit nicht genug: Er nimmt die Ermordung eines päpstlichen Legaten (durch einen Katholiken) zum Anlass, um erstmals einen Kreuzzug auszurufen, dersich gegen Angehörige des eigenen Glaubens richtet – ein beispielloser Tabubruch. "So wird Gewalt herrschen, wo Sanftmut fruchtlos blieb", schreibt der Papst.

Sein Gesandter Arnaud Amaury wird noch deutlicher: "Tötet sie alle, Gott wird die Seinen schon erkennen." Die Ritter gehorchen und gehen mit brutaler Gründlichkeit vor: In Béziers werden 1209 alle 22.000 Einwohner, Katholiken wie Ketzer, Frauen wie Kinder, nach der Eroberung der Stadt, die die in ihren Mauern lebenden Katharer nicht ausliefern will, niedergemetzelt.

Zwei Jahrzehnte lang tobt der Kreuzzug, bei dem Christen gezielt ihresgleichen auslöschen. Um sicherzugehen, dass alle Albigenser aus der Geschichte getilgt werden, wird 1212 die "Heilige Inquisition" eingeführt – Universalwaffe der katholischen Kirche gegen unliebsame Gruppierungen.

Ende des 13. Jahrhunderts ist das Ziel erreicht: Dieletzte Hochburg ist gefallen, die Katharer sind vernichtet und bis heute fast vollständig aus dem kollektiven Bewusstsein gelöscht.

9. Tabu: Der Staatsstreich des deutschen Top-Spions

Pullach, 13. März 1956: Reinhard Gehlen ist am Ziel. Der ehemalige Ostspionagechef Hitlers hat es nicht nur geschafft, seine Haut zu retten und nach dem Krieg auf die Seite der Amerikaner zu wechseln: Mit Hilfe der CIA ist es ihm auch gelungen, seinen nationalsozialistischen Geheimdienstapparat zu transformieren.

Zunächst in die Organisation Gehlen und nun also in den Bundesnachrichtendienst, zu dessen Chef er gerade ernannt wurde. Jetzt, auf dem Gipfel angekommen, sieht er überall Feinde – und lässt daher an jenem Märztag CIA-Stationschef James Critchfield zu sich rufen.

Gehlen kommt sofort zur Sache. Er sorge sich um die europäische Sicherheitslage: Nicht nur in Frankreich und Italien drohten "Mitte-Links-Volksfront-Regierungen" – auch in Westdeutschland gebe es Tendenzen, die zum Sturz der konservativen CDU-Regierung führen könnten.

Für den Fall, dass die Sozialdemokraten bei der nächsten Wahl an die Macht kämen, fürchte er nicht nur um sein eigenes Überleben. Eine solche Regierung wäre auch "für politische Infiltration und schließlich Kontrolle durch den Osten anfällig".

Gehlen ist daher entschlossen, alles zu tun, um eine sowjetische Invasion zu verhindern – auch wenn es den maximalen Tabubruch bedeutet: die Demokratie in Westdeutschland zu beseitigen. Er würde mit CIA-Chef Allen Dulles gern einen "Plan für eine solche Eventualität erörtern". Eilig verlässt Critchfield Gehlens Büro und informiert seinen Vorgesetzten.

Ein BND-geführter Staatsstreich? Heute erscheint dieses Szenario absurd, doch in der Hochphase des Kalten Krieges gibt es viele solcher Umstürze – in Griechenland, Indonesien und diversen Ländern Südamerikas.

Laut dem US-Journalisten David Talbot war das Tabu-Thema Putsch für CIA-Chef Allen Dulles daher eine durchaus denkbare Option: "Unwahrscheinlich, dass Dulles von Gehlens Vorschlag schockiert war, da er seit langem mit der Organisation Gehlen und anderen rechtsgerichteten Elementen in Deutschland einen solchen autoritären Notfallplan ins Auge gefasst hatte."

Bestes Beispiel: das von der CIA finanzierte geheime Netzwerk Gladio, das im Fall einer Sowjetinvasion im Hinterland bleiben und Sabotageakte verüben sollte. Oder der Bund Deutscher Jugend: Die 2.000 Mitglieder starke neonazistische Organisation führte sogar eine Todesliste, auf derführende Politiker der Sozialdemokratischen Partei standen.

Da Konrad Adenauer ein Jahr später die Bundestagswahl deutlich für sich entscheiden kann, sieht Gehlen letztlich keinen Grund, die BRD zu stürzen. Der geplante Putsch wird so nur zu einem weiteren Tabu derGeschichte.

10. Tabu: Das Geheimnis der Regierung May

Der britische Außenminister Boris Johnson zuckt nicht mit der Wimper, als er bei einem Interview in die Kamera schaut – und lügt. Forscher des britischen Chemiewaffenlabors Porton-Down hätten herausgefunden, dass Russland für den Anschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal mit einem Nervengift der Nowitschok-Gruppe verantwortlich sei.

Tatsächlich weiß Johnson zu diesem Zeitpunkt längst, was später von Gary Aitkenhead, Forscher in Porton Down, klar gestellt wird: "Wir haben die Quelle des Gifts nicht identifiziert". Für den einfachen Bürger sind es Ungereimtheiten wie diese, die es schwer machen, der britischen Regierung zu glauben.

Denn bislang konnte die Regierung May keine Beweise vorlegen, dieRussland belasten. Eine kritische Situation – auch weil man auf russischer Seite die haltlosen Anschuldigungen der Briten geschickt auszunutzen weiß.

Endlich, so die russische Verteidigung, könne jeder sehen, dass die antirussische Politik des Westens nicht auf Fakten basiere – selbstverständlich gilt das auch mit Blick auf antirussische Vorwürfe wie Wahlkampfmanipulationen (USA), widerrechtliche Annexionen (Krim) oder Hackerangriffe (Bundestag).

Eine Strategie, die Wirkung zeigt: Selbst russlandkritische Medien äußern mittlerweile ihr Unverständnis über die öffentliche Vorverurteilung von Russland – und sie stellen Fragen: Gibt es in der britischen Regierung ein Tabu, über die Wahrheit zu sprechen? Ist Russland nur ein Sündenbock?

Was hat die Regierung May zu verbergen? So verschwörerisch sich diese Fragen auch anhören – sie sind absolut berechtigt. Die britische Regierung behauptet beispielsweise, nur Russland verfüge über Nowitschok.

Die Wahrheit ist: Auch der Iran hat diesen Kampfstoff hergestellt. Und: Die USA haben die sowjetische Nowitschok-Anlage in Usbekistan demontiert. Selbst die Briten müssen über Nowitschok verfügen, denn nur mit einer Vergleichsprobe kann das Nervengift bestimmt werden.

Auch eine andere Frage drängt sich auf: Warum gibt es keine Ermittlungen gegen Orbis Business Intelligence? Zu dieser privaten Sicherheitsfirma mit Sitz in Salisbury – jenem Ort, in dem derAnschlag auf Skripal verübt wurde – gibt es auffällige Querverbindungen.

So steht Orbis im Verdacht, systematisch Falschmeldungen gegen Russland zu verbreiten. Und: Büroleiter Pablo Miller ist der ehemalige MI6-Agent, der Skripal in den Neunzigern "umdrehte". Es sind Fragen wie diese, die von der britischen Regierung beantwortet werden müssen, wenn sie in diesem Informationskrieg die wirksamste Waffe nicht verlieren will: die eigene Glaubwürdigkeit.

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