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Ab in die Tiefe

Verevkina-Höhle: Abstieg in den Mount Everest der Tiefe

Diese Forscherteams sind weiter ins Erdinnere vorgedrungen als je ein Mensch zuvor – auf der Jagd nach einem Tiefenrekord. In der Verevkina-Höhle in Georgien erkundeten sie eine Welt, die noch nie jemand betreten hat …

Die Forscher wollen tief hinab
Die Forscher wollen tief hinab iStock / Roberto Michel

Er will überleben. Deshalb bleibt ihm keine Wahl: weiter – auch wenn der Schacht immer enger wird. Es gibt kein Zurück. Jeder Zentimeter zählt. Ausatmen. Mit leerer Lunge in die Tiefe bis zur totalen Kompression. Milliarden Tonnen Gestein. Doch Panik wäre tödlich – während nur noch ein Gedanke den Kopf ausfüllt: Luft!

Plötzlich weitet sich der Schacht. Ein letzter Ruck, gefolgt von einem metertiefen Fall in eine eiskalte Pfütze. Mühsam rappelt sich Pavel Demidov auf, bewegt den Kopf, seine Stirnlampe gleißt im Dampf seines Atems durch den eiskalten Raum: vielleicht 20 Meter Durchmesser, die Form eines Brunnens. Glatter Fels. Der Boden vollständig geflutet. Grundwasser. Es geht nicht tiefer. Kein zweiter Ausgang. Ein routinierter Blick auf den Tiefenmesser: minus 2204 Meter. Weltrekord. Lächelnd nimmt Pavel ein bisschen Sand und steckt ihn in die Tasche seines schlammverkrusteten Overalls. Dann rafft er sich auf und macht sich auf den Rückweg …

Verevkina-Höhle: Der Mount Everest der Tiefe

Vom 30. Juli bis 3. September 2017 arbeiten 34 sogenannte Speläonauten an der Erforschung der Verevkina-Höhle. Nie zuvor sind Menschen so tief in eine Höhle hinabgestiegen. Und selten hat jemand für einen Weltrekord solche Gefahren überlebt: Unter Leitung des Expeditionschefs Pavel Demidov pressen sie sich durch Engstellen, ohne zu wissen, ob sich das Gestein je wieder weiten wird. Sie tauchen durch schlammiges Wasser, sprengen Geröll beiseite und können immer nur eine Richtung: abwärts.

Dann haben sie ihr Ziel erreicht, die Verevkina in Georgien ist offiziell die tiefste Höhle der Welt: "Wir standen auf dem Grund der Erde", erklärt Pavel Demidov. "Ihn zu erreichen, entspricht der Erstbesteigung des MountEverest." Vielleicht bedeutet es sogar ein bisschen mehr als das. Statt immerhin vierzehn 8000-Meter-Gipfeln gibt es nur zwölf Höhlen, die tiefer sind als 1500 Meter – und nur zwei supertiefe Giganten jenseits der Zwei-Kilometer-Marke. Denn einzig in Karstgebieten, also Gebirgen aus mineralischem Kalkstein, können diese gigantische Höhlensysteme vom Regenwasser ausgewaschen werden. Ein fortdauernder Prozess: Auch die Forscher werden immer wieder von eiskalten Wasserfällen geduscht. Zudem füllt der Regen die horizontalen Höhlenabschnitte – so wie bei minus 1980 Metern. Es folgt der tiefste Tauchgang aller Zeiten – bei Nullsicht durch schlammiges Wasser und ohne zu wissen, ob der Schacht überhaupt irgendwo hinführt …

Die Dunkelheit in der Höhle
In der Dunkelheit der Höhle iStock / Guilherme Buzzo

"Dark Star": EIne weitere Höhle der Superlative

Dennoch sind die ukrainischen Speläonauten nicht die einzigen Höhlenforscher auf der Jagd nach der maximalen Tiefe: Nahe der usbekisch-afghanischen Grenze ist ein internationales Team derzeit dabei, einen weiteres System zu erforschen. Sein Name: Dark Star. Aktuelle Tiefe: 1096 Meter. Doch mehr als 100 Nebengänge und Abzweigungen sind noch nicht erforscht. Larisa Pozdnykova, eine äußerst erfahrene Speläologin aus dem Ural, Mitte 30, gehört zu dem 31-köpfigen Team, das dieses Labyrinth weiter untersuchen will.

Sie steht am Rande des riesigen Kliffs vor dem Eingang in die Dark Star. Ein letzter Blick ins gleißende Licht der Abendsonne – dann spürt sie den eisigen Atem von Dark Star im Gesicht. "Die Höhle atmet", sagt Pozdnykova. "Doch keiner weiß, wie das genau funktioniert." 

Dieser Eingang atmet ein, wenn der Luftdruck außerhalb niedrig ist, und atmet aus, wenn er steigt. Doch woher stammt die Luft, die den Forschern hier entgegenströmt? Wo und wie gelangt sie in die Tiefe? Statt eine Antwort zu geben, beginnt sie, sich abzuseilen, dreht sich noch einmal um und sagt: "Keine Angst. Du kannst nicht verloren gehen." Kaum 50 Meter in der Höhle wird klar: Das ist falsch.

"Nichts für Leute mit Klaustrophobie. "

Wer die Luft anhält, hört das Tropfen von Wasser und den eigenen Herzschlag. Sonst nichts. Wer schreit, dem antwortet ein hundertfaches Echo. Und oftmals nicht einmal das. Wer seine Kameraden verliert, ist auf sich allein gestellt. Der Gang teilt sich. Links oder rechts? Oben oder unten? Dazu immer wieder Stellen, die nur ausgeatmet überwunden werden können. "Brustkompressoren", sagen die Speläologen dazu. "Nichts für Leute mit Klaustrophobie."  Dann grinsen sie.

Licht kommt allein von den Helmlampen. Zur Belohnung gibt es Astronautennahrung. Fehlschläge sind die Regel: Sackgasse. Die letzten Stunden robben, klettern, tauchen waren vergeblich. Dann heißt es: Rückkehr zur letzten Abzweigung. "Dazu kommt die Kälte", sagt Pozdnykova. Zwei Grad Celsius zeigt das Thermometer. Höchstens.

Abstieg in die Ungewissheit

Das größte Problem aber sind die unerbittlichen Gesetze der Tiefe und des Gesteins. Denn anders als Berge, Weltraum oder die Tiefsee können Höhlen nicht vorab elektronisch erfasst oder kartografiert werden. Es gibt keine Möglichkeit, sie von oben zu vermessen oder zu durchleuchten. Deshalb ist die absolute Tiefe erst dann bekannt, wenn ein Mensch sie erreicht hat. Deshalb ist jeder Meter bis zu diesem Punkt vollkommen unbekanntes Terrain, das erobert werden muss: Jedes Seil, jede Batterie, jedes Gramm Nahrung und die gesamte restliche Ausrüstung müssen von Menschen dorthin geschleppt werden. Und wenn ein Unglück geschieht? "Es ist wesentlich leichter, jemanden von der Internationalen Raumstation zu bergen", sagt Pavel Demidov.

Beim Abstieg darf man keine Angst haben
Unter Klaustrophobie darf man nicht leiden iStock / FernandoQuevedo

Bereits wenige Meter tief im Erdinneren funktioniert das GPS nicht mehr. Handy-Empfang? "Wir verlegen Telefonkabel zwischen den Basislagern", erklärt Demidov. Kartografiert wird mit Stift und Zettel und später übertragen. Hier unten ist noch immer alles analog – und die Dunkelheit ist absolut und ewig …

Der Kreislauf von Tag und Nacht hat hier keinerlei Bedeutung. Viele derHöhlenforscher tragen daher keine Uhren. Sie ruhen, wenn sie müde sind. Sie forschen, wenn sie sich erholt haben. "Klingt logisch, doch es verleiht der Höhle Macht über dich", sagt Mark Synnott, einer der Abenteurer in der Dark Star.

"Es ist schön, die Sonne zu sehen"

Trotz aller Hilfsmittel, all dem künstlichen Licht – umgeben von Milliarden Tonnen Fels und der Last ewiger Dunkelheit, beginnt Dark Star unweigerlich, in die Seele der Menschen zu kriechen. "Dunkelrausch" nennen Wissenschaftler dieses Phänomen in Anlehnung an den Tiefenrausch beim Tauchen. Wie bei dem Speläologen aus Texas, den seine Kameraden unter größten Mühen aus der Höhle bergen mussten. Sie brauchten Tage. Was war mit ihm geschehen? "Nichts", sagt Mark. "Er hatte einfach nur den Willen verloren, weiterzuleben."

Am Ende dauert die Erforschung von Dark Star zehn Tage. Dann geht die Ausrüstung zur Neige. Mehr als 1000 Tiefenmeter wurden grafisch erfasst. "Doch dort unten liegt noch viel mehr", sagt Larisa Pozdnykova. "Niemand weiß, wie tief Dark Star wirklich reicht." Sie wollen bald weitermachen.

Demidov kehrt erst nach 35 Tagen wieder an die Oberfläche zurück. "Es ist schön, die Sonne zu sehen", sagt der Forscher. Mehr als 600 Gänge wurden vermessen und der tiefste Punkt benannt: "Nautilus", sagt er. Doch gleich oberhalb davon gibt es diese Abzweigung … "Mal sehen, was dahinter liegt. Vielleicht können wir noch tiefer gelangen …"

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