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Warum Tokio die sicherste Stadt der Welt ist

40 Millionen Einwohner und eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Erde: Was die Welt von Tokio lernen kann.

Tokio
Tokio bei Nacht Foto: dk1234

Stellen Sie sich eine Stadt von der Fläche Schleswig-Holsteins vor. Eine Stadt, in der etwa die Hälfte der gesamten deutschen Bevölkerung wohnt – und das noch eineinhalb mal dichter als in New York. Eine Stadt wie ein Meer aus Menschen, eingeklemmt zwischen Ozean und Hochgebirgen.

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Eine Stadt mit bis zu 634 Meter hohen Gebäuden, die im Schnitt einmal pro Monat von einem spürbaren Erdbeben erschüttert werden. Eine Stadt, auf deren Straßen man unter Idealbedingungen drei Stunden von einem Ende zum anderen fährt – und die im Sommer regelmäßig von Taifunen überschwemmt wird.

Eine Stadt, vor deren Haustür vier Erdplatten aufeinandertreffen, die auf dem Ozean jederzeit einen Tsunami auslösen können. Die Einwohner von Tokio müssen viele Dinge fürchten – aber Kriminalität gehört nicht dazu. Wie ist so etwas möglich?

Können 40 Millionen Menschen einen Tsunami aushalten?

Tokio hält gleich drei bemerkenswerte Rekorde: Mit 40 Millionen Menschen gibt es kein größeres Ballungsgebiet auf der Erde. Gleichzeitig ist auch keine Metropole weltweit sicherer: Nur 0,4 Morde auf 100.000 Einwohner meldet die Polizei hier – bei sinkender Tendenz.

Zum Vergleich: Deutschlands Spitzenreiter Berlin erreicht 1,8; St. Louis, die gefährlichste Stadt der USA, kommt auf 7,3 und Caracas in Venezuela auf 122. Andererseits trägt nach Angaben des Versicherers Swiss Re auch keine andere Großstadt ein größeres Risiko, Opfer einer Naturkatastrophe zu werden: Die Vorwarnzeit bei einem Seebeben bis zum Eintreffen der unglaublich energiereichen, bis zu 15 Meter hohen Wellen an Land beträgt gerade einmal 15 bis 40 Minuten, bei einem lokalen Erdbeben sind es nur etwa 80 Sekunden.

Millionen Menschen leben auf engstem Raum im Angesicht der totalen Katastrophe – und geraten dennoch nicht einmal in Panik, wenn wie 2011 etwa 150 Kilometer weiter in Fukushima drei Kernreaktoren explodieren.

Wo in Städten wie etwa New Orleans beim Hurrikan "Katrina" 2005 ein Funke genügt, um tödliche Massenunruhen und Plünderungen auszulösen, gehen die Menschen in Tokio weiter auf ihren manchmal zweistündigen Weg zur Arbeit. "Es gibt im Japanischen nicht einmal ein Wort für 'Plünderung' in unserem Sinn", erklärt Gregory Pflugfelder, Japan-Experte an der Columbia University.

Können Vulkane ein Volk zähmen?

Dahinter steckt ein fundamentaler Unterschied zwischen beiden Kulturen: "Im Westen gilt der Grundsatz: Wenn jeder sich selbst hilft, ist allen geholfen – die sprichwörtliche 'unsichtbare Hand' des Marktes", erklärt Pflugfelder. "Japaner funktionieren anders: Für sie kommen Ordnung und Stärke aus der Gruppe heraus. Die Gruppe gleicht unterschiedliche Interessen aus."

Disziplin, Zusammenhalt und Vorrang der Gemeinschaft sind für Japaner seit Jahrtausenden Überlebensstrategie – für Außenseiter gibt es im wahrsten Sinnes des Wortes keinen Platz: Etwa vier Fünftel der Fläche des Inselstaates sind zu bergig, um sie zu nutzen.

Seit Jahrhunderten drängen sich die 130 Millionen Japaner auf engstem Raum hinter Wänden aus Papier, speziell in Tokio – von klein auf erzieht das zur Rücksichtnahme. Bis heute haben 99 Prozent der Japaner keinen Migrationshintergrund, jeder kennt die Regeln der Gesellschaft.

Es gibt keine Ghettos, die Abweichlern Unterschlupf bieten könnten. Dazu kommen verheerende Erdbeben, Tsunamis oder Ausbrüche der 60 aktiven Vulkane – Naturkatastrophen, bei denen die Familie den stärksten Rückhalt bietet. Sie diszipliniert die größte Stadt der Erde auch in Friedenszeiten, weit stärker als es Polizei und Geheimdienst je könnten.

Doch was passiert, wenn jemand diesen geheimen Codex der Gesellschaft bricht? Fehlt staatliche Gewalt völlig? Ganz im Gegenteil!

Warum gibt es in Tokio fast keine Waffen?

Tokio zu plündern, wäre äußerst schwierig. Der Grund: Es gibt kaum Mittel, um sich Respekt zu verschaffen. Bis auf streng reglementierte Schrotflinten und Luftgewehre sind Feuerwaffen für Zivilisten verboten, statistisch kommt nur ein Exemplar auf 175 Haushalte – in den USA übertrifft dagegen die Zahl der Feuerwaffen die der Einwohner.

Die letzte Massenschießerei in Tokio ereignete sich 1923, also vor fast 100 Jahren. In ganz Japan geschehen pro Jahr etwa ein Dutzend Morde mit Feuerwaffen, in Deutschland sind es etwa 70 und in den USA mehr als 12.000.

"Manche Schießereien in den USA fordern mehr gewaltsame Tote, als Japan in einem Jahr beklagen muss", erklärt der amerikanische Waffenexperte David Kopel. Waffen sind in Japan dermaßen geächtet, dass bereits ein Messer in der Öffentlichkeit reicht, um im Gefängnis zu landen. Doch damit nicht genug.

Hat jede Familie einen eigenen Polizisten?

Fast an jeder dritten Straßenecke befindet sich ein "Koban", allein in der Innenstadt gibt es mehr als 800 davon. Sie gehören zum Stadtbild von Tokio wie die Dönerläden zu Berlin. In den teilweise winzigen Polizeistationen arbeiten die "Aufseher" eines Straßenzugs: Die lokalen Beamten, oft ein ganzes Dienstleben dort stationiert, kennen ihr Gebiet wie kein Zweiter.

"Gaijin" (Menschen von außerhalb) fallen auf – wenn nicht ihnen, dann den Tausenden ehrenamtlich patrouillierenden Anwohnern. Für sie sind die Polizisten keine Schnüffler, sondern Vertrauensleute, die auch mal bei privaten Problemen Rat geben.

"Wir schauen hin. Bei uns ist keine Straße jemals dunkel", erklärt Yoichi Masuzoe, der Bürgermeister der Präfektur Tokio. Die Polizisten scheuen sich nicht, tief in die Privatsphäre einzudringen – etwa, indem sie bekannte Waffenbesitzer zu Hause regelmäßig kontrollieren und bei der Gelegenheit prüfen, ob diese noch einen "emotional stabilen" Eindruck machen.

Dieses dichte Überwachungsnetz trägt zu einer der weltweit besten Aufklärungsraten der Polizei bei, für Mord beträgt sie zum Beispiel 97,7 Prozent, noch einmal 1,6 Prozent mehr als in Deutschland. In den USA kommt dagegen jeder dritte Mörder ungestraft davon.

Welche Welle kann Tokio besiegen?

Der Einzelne ist nichts, die Gemeinschaft alles: In Japan funktioniert das, davon kann sich jeder in Tokio überzeugen. Sogar nach Mitternacht als Frau allein in engen Gassen – soziale Brennpunkte fehlen:

Das Land verteilt seinen Wohlstand als viertgrößte Volkswirtschaft der Erde relativ ausgeglichen über die Bewohner, der bestbezahlte Unternehmenschef verdient nur ein Zehntel dessen, was etwa ein vergleichbarer US-Manager erhält – umgerechnet weniger als zehn Millionen Euro im Jahr.

"Es ist dieses unerschütterliche Vertrauen in Wissenschaft, Arbeitgeber, oder Regierung, das Japaner auch in Krisenzeit die Ruhe behalten lässt: Es istbesser, wenn alle an einem Strang ziehen", sagt Misaki Hatori über ihre Landsleute, die mit durchschnittlich 84 Jahren über die höchste Lebenserwartung weltweit verfügen.

Das zeigt sich auch im Alltag: Ob in der Metro oder auf der Straße – in Tokio gibt es kaum Mülleimer, dennoch liegt kein Abfall herum. Denn den trägt man wieder nach Hause. Menschen von außerhalb des eigenen Kulturkreises bringen Japaner dagegen wenig Vertrauen entgegen – denn die könnten die Kriminalitätsrate auf den fast 7.000 Inseln erhöhen.

Von 5.000 Asylanträgen genehmigte Japan im vergangenen Jahr daher nur elf. Nicht etwa ein weiterer Tsunami, sondern eine Welle von Besuchern wird daher zum größten Test für die Sicherheit Tokios: 2020 richtet die Stadt die Olympischen Sommerspiele aus – und mindestens 10 Millionen Besucher sollen kommen.

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