Tödlicher Streich Swatting: Ein Spiel, das Menschenleben kostet

Welt der Wunder 15.04.2019

An einem kalten Dezember-Abend wird eine Spezialeinheit der Polizei zu einer Adresse in Wichita gerufen: Im Inneren des unscheinbar wirkenden Hauses sollen Geiseln festgehalten werden. Was zu diesem Zeitpunkt weder die Polizeibeamten noch die Bewohner des Hauses ahnen: Das Verbrechen ist nur erfunden – in Wahrheit sind sie alle Teil eines perfiden Streichs, der in einem Blutbad enden wird …

SWAT-Team im Einsatz
SWAT-Team im Einsatz Foto:  iStock / South_agency
 

Swatting: Ein tödliches Fallbeispiel

Es ist exakt 18.18 Uhr, als ein Notruf bei der Wichita Police in Kansas eingeht.

"Ich habe gerade meinem Vater in den Kopf geschossen", sagt eine aufgebrachte Männerstimme. "Er hat mit meiner Mutter gestritten, und dann ist alles außer Kontrolle geraten." "Wo wohnst du, Junge?", fragt der Beamte am anderen Ende der Leitung. "1033 West McCormick Street", antwortet der Anrufer, der sich als "Ryan" ausgibt. "Meine Mutter und mein Bruder haben Angst, weil ich mit einer Waffe auf sie ziele." 

Er spricht noch davon, das Haus anzuzünden – dann ist die Leitung tot. Keine fünf Minuten später ist der Tatort von einem Spezialkommando der Polizei umstellt, doch noch ehe der Sergeant eine Lautsprecherdurchsage machen kann, öffnet sich plötzlich die Tür, und ein junger Mann tritt mit verwundertem Blick auf die Veranda. Die Polizisten weisen ihn an, die Hände zu heben, und der Mann gehorcht zunächst. Doch dann wandert sein Arm unwillkürlich Richtung Hosenbund. Officer Justin Rapp, der die Szene von Weitem durch das Zielfernrohr seines Gewehrs beobachtet hat, glaubt, der Verdächtige würde nach einer Waffe greifen – und drückt ab.

Schwer verletzt sackt der Mann zusammen, einen Augenblick später stürmen die Cops an ihm vorbei ins Haus. Sie finden eine ältere Dame und zwei Kinder vor, doch ein Ryan ist nicht darunter. Auch von der Waffe fehlt jede Spur, nichts deutet auf Mord oder eine Geiselnahme hin. Als den Beamten dämmert, welch fatalem Irrtum sie aufgesessen sind, ist es längst zu spät, denn 30 Minuten später ist der Mann, den Officer Rapp niedergeschossen hat, tot. Während sich die entsetzten Beamten noch fragen, wie das passieren konnte, ahnen sie nicht, dass der Schlüssel zur Lösung des Falls 2000 Kilometer von Wichita entfernt liegt …

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Was ist Swatting?

Ein paar Stunden zuvor: Tyler Barriss sitzt gerade in der Los Angeles Public Library, als eine Nachricht auf seinem Laptop aufpoppt. Der 18-jährige Gamer Casey Viner will ihn anheuern, um sich an seinem Mitspieler Shane Gaskill aus Wichita zu rächen. Hintergrund: Die beiden waren Teamkameraden in einem "Call of Duty"-Match, das verloren ging, weil Gaskill Viners Charakter durch "Friendly Fire" ausschaltete.

Obwohl der verlorene Wetteinsatz gerade mal 1,50 Dollar beträgt, will Viner Vergeltung – und zwar auf eine ganz bestimmte Weise. Sein Plan sieht vor, Gaskill zu swatten, ein Trend, bei dem Gamer einen erfundenen Notruf absetzen, um dem unliebsamen Rivalen eine schwer bewaffnete "Special Weapons And Tactics"-Einheit der Polizei (SWAT) auf den Hals zu hetzen. Tyler Barriss ist der wohl berüchtigtste Swatter in der Gamer-Szene, zahlreiche falsche Notrufe gehen auf sein Konto – und auch diesen Auftrag nimmt er an.

Der 26-Jährige stalkt sein Opfer zunächst auf Twitter, um dessen genaue Adresse herauszufinden. Doch schon nach kurzer Zeit durchschaut Gaskill das Vorhaben seines neuen Followers. Auch er weiß, wofür Barriss bekannt ist, und geht in die Gegenoffensive."Probier deinen Scheiß gerne aus – ich warte", twittert er, gefolgt von: "1033 West McCormick Street Wichita Kansas." 

Barriss beschließt, auf die Provokation nicht verbal zu antworten, sondern Taten sprechen zu lassen – und wählt die Nummer der Polizeistation von Wichita. Dabei ahnt er weder, dass Gaskill schon vor Monaten weggezogen ist, noch, dass inzwischen ein gewisser Andrew Finch in der West McCormick Street wohnt. Ein 28-jähriger Familienvater, der in seinem ganzen Leben noch kein Videospiel gespielt hat. Völlig unbeteiligt an ihrem Streit, gerät er zwischen die Fronten der drei Gamer – und zahlt dafür mit seinem Leben. Er ist das erste bekannt gewordene Swatting-Todesopfer.

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Gibt es Swatting-Fälle in Deutschland? 

Swatting ist in den Vereinigten Staaten ein weit verbreitetes Phänomen. Dank YouTube & Co. genießt es im Netz sogar große Beliebtheit – dort gibt es zahlreiche Zusammenschnitte, die überrumpelte Opfer bei ihrer Festnahme zeigen. Auch in Deutschland häufen sich die Vorfälle, in Nürnberg wurde schon 2017 ein Swatter zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Dennoch ist diese extreme Form des Telefonstreichs hierzulande zurzeit noch ein Randphänomen.

Anders in den USA, wo es Schätzungen zufolge jährlich zu etwa 400 Swatting-Fällen kommt, über 100 davon beschäftigen das FBI. "Echte Kriminalitätsbekämpfung leidet unter diesen teuren Einsätzen, die oft fünfstellige Kosten verursachen und Menschenleben bedrohen", sagte LAPD-Chef Charlie Beck schon vor einiger Zeit, doch seine Warnungen verhallten – bis zum 28. Dezember 2017. Denn mit dem Tod Andrew Finchs durch einen Polizeibeamten scheint endgültig jedem klar geworden zu sein, welche extremen Konsequenzen dieser Trend haben kann.

Mehr noch: Finchs Tod könnte darüber hinaus auch einen Wendepunkt im juristischen Umgang mit Swatting markieren – und das liegt vor allem an Leuten wie Tyler Barriss. Auf seinem Handy entdeckten die Ermittler mehr als 40 000 Textnachrichten. Ihre Auswertung ergab, dass der 26-Jährige hinter einer landesweiten Serie von Bombendrohungen und Fake-Notrufen steckte, die zu Evakuierungen von Schulen und Einkaufszentren geführt und enorme Kosten verursacht hatten.

Doch wozu das alles? Sein Schlüsselerlebnis war der Tag, an dem er das erste Mal selbst von einem anderen Gamer geswattet wurde – ein Erlebnis, das ihn eher erregte als einschüchterte. "Ich erinnere mich an den Lärm des Polizeihubschraubers über unserem Haus und dachte mir nur: Wie cool wäre es, wenn ich das jedem antun könnte, ohne dabei erwischt zu werden?"

Nachdem er es selbst nie zum Profi-Gamer gebracht hat, glaubt Barriss, im Swatting endlich seine Bestimmung gefunden zu haben. Er lässt sich dabei so sehr vom Gefühl der Macht und dem Wunsch nach Anerkennung berauschen, dass er zwar seine Telefonnummer stets verschleiert, im Internet seine Taten jedoch hinterher offen zugibt und bei Twitter unter dem Pseudonym "SWAuTistic" damit prahlt. Schon bald ist Barriss so bekannt in der Szene, dass er das Swatting zum Business ausbauen kann. Sobald er die vereinbarte Summe, in der Regel 50 Dollar, erhält, swattet er das vom Kunden ausgewählte Opfer. Bei Bombendrohungen, etwa auf Schulen, kann er es sich sogar herausnehmen, eine 100-Dollar-Prämie zu verlangen.

 
 

Ein gefälschter Notruf - 41 Jahre Gefängnis 

Nicht mal der Tod von Andrew Finch bringt Barriss dazu, seine Taten zu hinterfragen – im Gegenteil: Während Gaskill ihn panisch auffordert, alle Tweets zu löschen, die sie mit dem Fall in Verbindung bringen könnten, postet er stolz: "Das Haus, das ich geswattet habe, ist in den Nachrichten." Doch diesmal ist er zu weit gegangen. Die Gamer-Community überzieht ihn nicht nur mit einem Shitstorm, sie lässt der Polizei auch einen Tipp zukommen, der zu seiner Verhaftung führt. Aktuell steht er ebenso wie Viner und Gaskill vor Gericht. Die Anklagepunkte: fahrlässige Tötung, Cyberstalking, Platzieren eines falschen Notrufs, Irreführung der Polizei. Barriss hat sich bereits schuldig bekannt, allerdings nur, um seine Haftstrafe zu reduzieren.

Genau diese Deals sind Lisa Finch ein Dorn im Auge. Die Mutter des Toten sieht den Swatter nur als Symptom des Problems an. Dessen Wurzel liegt viel tiefer – etwa in einem ineffektiven Polizeiapparat, der Barriss all die Jahre gewähren ließ, obwohl es schon vor Wichita Hinweise aus der Gamer-Szene gab. Oder in einem Justizsystem, das es Leuten wie ihm ermöglicht, mit geringen Strafen oder gar gänzlich straffrei davonzukommen – genau deshalb kämpft sie seit Andrews Tod mit ihren Mitstreitern für härtere Gesetze.

Einen Teilerfolg konnte sie bereits erringen, denn in Kansas wurde gerade der sogenannte "Andrew Finch Memorial Act" verabschiedet. Das Gesetz sieht vor, dass Swatting künftig als Schwerverbrechen gewertet wird, auf das bis zu 41 Jahre Gefängnis stehen (zuvor fiel es lediglich unter den Straftatbestand der fahrlässigen Tötung, der mit maximal elf Jahren Haft bestraft wird). Für Lisa Finch ist dies ein erster Schritt, der dabei helfen soll, Swatting-Tragödien in Zukunft zu verhindern. Denn nur dann wäre ihr Andrew nicht völlig vergeblich gestorben.

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