Butterfly Effekt: Zufälle der Geschichte

Wie ein Laborunfall den Zweiten Weltkrieg entschied

Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen? Diese Frage stellte sich der Meteorologe Edward N. Lorenz und entdeckte damit den sogenannten Butterfly-Effekt. Doch kann man den Butterfly-Effekt auch auf andere Systeme übertragen?

Im Labor
Wie ein Laborunfall den Zweiten Weltkrieg entschied Foto: iStock / DNY59

Eine Petrischale mit Staphylokokken-Kulturen

Bevor Alexander Fleming in diesem Sommer 1928 endlich in seinen wohlverdienten Urlaub gehen kann, muss er nur noch sein Labor in der St. Mary’s Hospital Medical School aufräumen. Eine Kleinigkeit, die nur wenige Minuten dauert. Doch in Gedanken stellt der Bakteriologe eine Petrischale mit Staphylokokken-Kulturen in ein Spülbecken, um sie später zu säubern – und vergisst sie.

Ein unbedeutendes Malheur, das aber Geschehnisse in Gang setzt, an deren Ende zehn Jahre später ein Medikament steht, das nicht nur Milliarden Menschenleben retten wird, sondern auch den Zweiten Weltkrieg entscheidend beeinflusst. Doch wie kann das sein?

Eine medizinische Sensation

Als Fleming wieder in sein Labor kommt, hat sich auf der vergessenen Petrischale ein Schimmelpilz gebildet. Für Fleming eigentlich nichts Außergewöhnliches – dennoch stutzt er plötzlich: Dort, wo sich der Pilz ausgebreitet hat, sind die eigentlich hartnäckigen Staphylokokken-Bakterien komplett abgestorben. Eine medizinische Sensation, die jedoch zunächst niemand erkennt – auch Fleming nicht.

Die Idee, daraus ein Medikament zu entwickeln, kommt ihm jedenfalls nicht. Pflichtbewusst notiert er aber seine Beobachtungen und schickt einen Artikel über den Vorfall an die britische Wissenschaftsvereinigung Royal Society. Exakt zehn Jahre passiert nicht viel. Fast erscheint es, als würde Flemings Entdeckung im Nebel der Geschichte verschwinden.

Doch der kleine Flügelschlag, der von einer verunreinigten Petrischale ausgelöst worden war, entfaltet seine Kraft langsam, aber stetig – bis er sich im Jahr 1938 zu einem rauen Wind steigert: Flemings Erkenntnisse erreichen einen anderen Forscher. Howard Walter Florey liest zufällig Flemings Bericht – und erkennt das Potenzial.

Die Entdeckung des Penicillins

1941 testet er das Stoffwechselprodukt des Penicillium-Pilzes erstmal an einem Menschen – und löst einen globalen Sturm aus. Kurz darauf geht das Ur-Antibiotikum in den USA in die Serienproduktion – und das keine Sekunde zu spät für die alliierten Soldaten. Denn Fakt ist: Es wird zu einem kriegsentscheidenden Vorteil.

Während bei den Alliierten nach der Einführung des Penicillins nur noch jeder 25. Soldat im Zweiten Weltkrieg stirbt, ist es bei den Deutschen – denen das Medikament unbekannt ist – jeder sechste. Gleichzeitig kehren viele amerikanische und britische Soldaten schon wenige Wochen nach einer Verwundung an die Front zurück, die meisten verletzten Deutschen jedoch nie.

Zu oft entzünden sich ihre Wunden, schon ein Streifschuss kann bei den Wehrmachtssoldaten ohne eine antibakterielle Behandlung den Tod bedeuten. Tatsächlich gehen heute viele Historiker davon aus, dass die Alliierten ohne Flemings "Wundermittel" ihre Kampfstärke niemals so lange hätten aufrechterhalten können – und die Deutschen möglicherweise sogar den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten …

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