Dunkle Geheimnisse 2018

Die Morandi-Akte: Hat die Bankenkrise die Morandi-Brücke zum Einsturz gebracht?

Der Einsturz der Moradi-Brücke in Genua (Italien) war 2018 eine Tragödie. Doch wie konnte es dazu kommen? Was verursachte den Einsturz und vor allem: Ist so etwas auch in Deutschland möglich?

Die eingestürzte Brücke in Genua, Italien
Hat die Bankenkrise die Moradi-Brücke zum Einsturz gebracht? Foto: Getty Images / ANDREA LEONI

Der Einsturz der Morandi-Brücke in Genua

Der Verkehr stockt mal wieder. Luigi Selva überlegt, ob er auf den linken Fahrstreifen wechseln soll. So wie der Pkw, der ihn gerade überholt. Plötzlich jedoch beginnt die Fahrbahn zu vibrieren, und ein 250 Meter langer Abschnitt der Brücke stürzt vor Selva in die Tiefe. Mitsamt den Autos, die darauf fahren. Selva tritt mit aller Kraft aufs Bremspedal – und bleibt mit seinem Lkw zwei Meter vor dem Abgrund stehen.

Das Bild des verlassenen Lastwagens auf der Morandi-Brücke geht um die Welt. 43 Menschen kommen bei dem Unglück in Genua ums Leben. Aber war es wirklich ein Unglück – oder nur eine Frage der Zeit? Und wie sicher sind die 40 000 Autobahnbrücken in Deutschland?

Was ist der Grund für den Einsturz der Brücke?

Starkregen, Gewitter, das extrem hohe Verkehrsaufkommen – als Ursachen für den Einsturz werden gleich mehrere Faktoren genannt. Erst allmählich wird jedoch klar: Der Countdown zur Katastrophe von Genua beginnt bereits im Jahr 2008 – als die Finanzkrise die Welt erschüttert und Dutzende Staaten ihr Geld in die Bankenrettung stecken.

Gleichzeitig werden seitdem die Investitionen in die Infrastruktur massiv heruntergefahren. So kürzt die italienische Regierung die Ausgaben für den Straßenbau innerhalb weniger Jahre von 14 Milliarden (2007) auf vier Milliarden (2017). Folge: Hunderte Brücken werden seit der Finanzkrise nur noch unzureichend instandgehalten. Es kommt zum Sanierungsstau – auch bei der 50 Jahre alten Morandi-Brücke. Am 14. August diesen Jahres gibt der korrodierte Stahlbeton der Pfeiler schließlich nach – und reißt Dutzende Menschen in den Tod.

Ist so etwas auch in Deutschland möglich?

Wer jetzt jedoch glaubt, eine solche Katastrophe sei in Deutschland aufgrund der besseren Finanzlage unmöglich, der irrt. Tatsächlich ticken auch in Deutschland Hunderte riskante Zeitbomben. "Unsere Brücken verrotten gefährlich, ein Einsturzrisiko kann inzwischen nicht mehr ausgeschlossen werden", sagt der Bauingenieur Richard J. Dietrich.

Ähnlich wie bei der Morandi-Brücke sieht der Experte vor allem im überwiegend verwendeten Werkstoff Beton ein Problem: "Wenn der Beton Risse hat, durch die Feuchtigkeit eindringt, löst sich irgendwann der Zement auf, dadurch rostet die freigelegte Stahlbewehrung, und spätestens dann leidet die Stabilität", erklärt Dietrich. Zudem wurden die meisten Betonbrücken in Deutschland wie auch die Morandi-Brücke in den 1960er-Jahren erbaut. Und die durchschnittliche Lebenserwartung einer Betonbrücke beträgt ohne ausreichende Instandhaltung 50 Jahre.

Vor diesem Hintergrund überraschen die aktuellen Zahlen des Bundesverkehrsministeriums kaum: Demnach befinden sich 12,2 Prozent der Brücken in einem "nicht ausreichenden beziehungsweise ungenügenden Bauwerkszustand". Damit ist rund jede achte Brücke marode.