Überraschend Mehr Verkehrstote in Ländern mit Tempolimit

Autozeitung.de 12.02.2019

Trotz Absage der Bundesregierung bewegt die Diskussion um ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen die Gemüter. Aber wie würde sich eine feste Maximalgeschwindigkeit tatsächlich auf die Umwelt und die Sicherheit im Straßenverkehr auswirken? Unsere Kollegen von Autozeitung.de lassen ein paar Fakten sprechen!

Tempolimit 130
Die Fraglichkeit eines Tempolimits auf Autobahnen Foto:  iStock / FrankRamspott

Es gibt wenige Themen, auf die die Deutschen so emotional reagieren wie auf ein generelles Tempolimit auf Autobahnen: Doch was würde die Beschränkung des Autobahntempos auf 130 km/h überhaupt bedeuten – für die Umwelt und die Verkehrssicherheit?

Zunächst muss man berücksichtigen, dass Deutschland zwar auf der ganzen Welt für seine unbeschränkten Autobahnen bekannt ist, dies aber nur noch für knapp die Hälfte aller Strecken gilt: Während rund ein Drittel aller Autobahnkilometer bereits beschränkt sind, müssen auch noch die Baustellen auf Strecken ohne Tempolimit abgezogen werden – im Januar 2019 waren das immerhin 1667 Kilometer.

Das heißt: Nur auf 57,2 Prozent aller Autobahnstrecken gibt es kein Tempolimit – hier gilt die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h.

Tempolimit 130
Tempo 130: Österreicher fordern von Deutschen, langsamer zu fahren

 

Tempolimit auf Autobahnen: Folgen für Umwelt & Sicherheit

Zudem ist die Autobahn bereits ohne Tempolimit die sicherste Straßenart in Deutschland: So gab es 2017 auf Landstraßen mehr als drei Mal so viele Verletzte und mehr als viermal so viele Getötete bei Unfällen. Auch in den Innenstädten ist der Straßenverkehr wesentlich gefährlicher.

Rechnet man die Opferzahlen auf die gefahrenen Kilometer um, ergibt sich ein ähnliches Bild: Gibt es innerorts pro einer Milliarde gefahrener Kilometer 4,8 Verkehrstote, sind es auf der Landstraße sogar 6,6. Auf der Autobahn liegt die Quote bei 1,75. Überraschend: Während die Anzahl der Verletzten innerorts in den letzten Jahren wieder deutlich ansteigt, fällt der Zuwachs auf der Autobahn deutlich geringer aus. 

Generell hat sich die Anzahl der Verkehrstoten in Deutschland seit 1990 jedoch stark reduziert – auf der Autobahn um 72 Prozent. Die Ursachen: bessere Straßen (vor allem im Osten) und mehrere Quantensprünge in Sachen Sicherheitstechnik bei Neuwagen. Dank Airbags, soliderer Crashstrukturen, ESP und zahlreicher Assistenten sind unsere Autos heute sicherer als je zuvor. 

Wachsende Gefahren entstehen dagegen in der zunehmenden Ablenkung von  Fahrern und anderen Verkehrsteilnehmern durch Smartphone und Co. Deren oft tödliche Auswirkungen betreffen aber den Verkehr in den Städten und auf den Landstraßen deutlich schwerer als auf den Autobahnen. Ein generelles Tempolimit würde daran nichts ändern.

 

Nicht unbedingt mehr Sicherheit durch Tempolimit auf Autobahnen

Dass ein generelles Tempolimit auf Autobahnen nicht unbedingt mehr Sicherheit bedeutet, zeigt auch der internationale Vergleich: So gibt es in den meisten Ländern mit Tempolimits mehr Verkehrstote pro einer Milliarde gefahrener Kilometer als in Deutschland – sogar in Belgien, wo die Neuwagendichte ähnlich hoch ist wie in Deutschland. 

Unfallforscher erklären das mit der erhöhten Monotonie auf Autobahnen mit niedrigem Tempolimit. Hier erreichen Menschen ihren Leistungszenit, wenn sie weder über- noch unterfordert sind.

Mit weniger Überholvorgängen und ohne deutliche Tempounterschiede zwischen den Fahrspuren wären die eingelullten Fahrer im Ernstfall nicht reaktionsbereit. Zudem würde die Gefahr von Müdigkeit am Steuer deutlich erhöht. Und die dadurch ausgelösten Unfälle enden oft tödlich. Außerdem sind an den schweren Unfällen auf Autobahnen mit Verletzten und Getöteten überdurchschnittlich häufig Lastwagen beteiligt. 

So geschehen 58,9 Prozent aller fatalen Lkw-Unfälle auf Autobahnen, bei Autos sind es nur 15,7 Prozent. Und für Lastwagen gilt bereits ein Tempolimit.

 
 

Tempolimit auf Autobahnen unter Umweltgesichtspunkten fraglich

Selbst unter Umweltgesichtspunkten ist eine Maximalgeschwindigkeit auf Autobahnen fraglich: Laut einer Studie des Umweltbundesamts reduziert sich bei einem Tempo von 120 km/h (zehn weniger als von der Regierungs-Kommission gefordert) der CO2-Ausstoß aller Pkw auf Autobahnen um neun Prozent.

Autos generell sind aber nur für elf Prozent aller deutschen Treibhausgase verantwortlich, ihre Autobahnfahrten fallen mit lediglich 3,7 Prozent zu Buche.

Die Ersparnis würde daher im besten Fall 0,3 Prozent betragen. Dabei muss jedoch beachtet werden, dass die Verkehrsdichte auf unseren Autobahnen mittlerweile so hoch ist, dass ohnehin im Durchschnitt kaum mehr als Richtgeschwindigkeit gefahren werden kann. Apropos Ersparnis: Von 2012 bis 2016 ging der durchschnittliche CO2- Ausstoß aller Neuwagen auf allen Straßen um 10,2 Prozent zurück. Wegen der Abkehr vom Diesel steigt er seitdem wieder.

Nächtliches Tempolimit
Grünen-Politiker fordert Tempo 80 auf Autobahnen

 

Tempolimit auf Autobahnen: Keine Messbare Stickoxid-Reduktion 

Auch bei Stickoxiden würde ein Tempolimit auf Autobahnen nicht zu einer messbaren Reduktion führen: Durch die starke Verwirbelung bei hohem Tempo wandelt sich das reaktionswillige NOX sowieso viel schneller in ungefährlichen Stickstoff um. Befürworter eines Tempolimits versprechen sich, dass die Käufer dann kleinere und schwächer motorisierte Neuwagen kaufen würden.

Dem stehen die Erfahrungen aus Österreich und der Schweiz entgegen, wo seit Jahren streng überwachte Tempolimits gelten – trotzdem werden dort häufiger leistungsstarke  Modelle gekauft. Von den spritfressenden Pick-ups und den SUV in den USA ganz zu Italien USA schweigen.

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