Männerhelden

Was macht Mathias Rust heute?

Mathias Rust landet zu Zeiten des Kalten Kriegs in Moskau erst eine Cessna und dann im Gefängnis. Was macht Mathias Rust heute?

Was macht Mathias Rust heute?
Was macht Pilot Mathias Rust heute? Foto: SYLVIA KAUFMAN/AFP/Getty Images

Mathias Rust: Flug nach Moskau

Am Abend des 28. Mai 1987 kreist eine Cessna 172 über dem Roten Platz in Moskau. Das Flugzeug landet an der Basilius-Kathedrale. Ein 18-jähriger Deutscher steigt aus, lehnt sich an die Cessna, die heute im Technikmuseum in Berlin steht.

Der schmächtige Mann trägt einen Overall und eine dunkle Sonnenbrille. Schnell bildet sich eine Menschentraube, die Presse kommt. "Ich wollte ein Zeichen für den Frieden setzen", begründet er seine waghalsige Aktion gegenüber dem Moskauer Polizeichef, der sogleich angefahren kommt.

Der Mann, der später als "Kremlflieger" in die Geschichte eingehen wird, heißt Mathias Rust und kommt aus Wedel.

Mit 18 Jahren im Kalten Krieg gelandet: Kremlpilot Rust

Mathias Rust, geboren am 1. Juni 1968, fliegt fünf Stunden über russischem Gebiet - mitten im Kalten Krieg.

Seinen Eltern und seinem Bruder Ingo erzählt Rust, der einen Pilotenschein hat, er sei auf einer zweiwöchigen Skandinavien-Tour. Dorthin macht er auch einen Abstecher, steuert das Flugzeug aber dann Richtung Moskau.

Rust überlebt - ein Wunder

Kurz nach der finnisch-estnischen Grenze setzt Rust sich einen Motorradhelm auf. Er habe gehofft, dass ihm dieser im Falle eines Abschusses das Leben retten könne, erzählt der Hobby-Pilot in einem Interview später.

Abgeschossen wird er nicht. Bis heute rätseln sowjetische Generäle, wie es Rust gelingen konnte, fünf Stunden im sowjetischen Luftraum umherzufliegen ohne, dass ihn die Flugabwehr zur Landung zwang.

Er hat es wohl auch dem Zufall zu verdanken, an jenem 28. Mai nicht getötet worden zu sein. Denn an diesem Tag ist der "Tag der Grenztruppen" - und der wird begossen.

Verhaftung & Verurteilung

Dennoch lässt der sowjetische Geheimdienst KGB nach der Landung nicht lange auf sich warten: Der Deutsche wird festgenommen.

Am 2. September 1987 beginnt Mathias Rusts Prozess vor dem Obersten Gerichtshof. Der inzwischen 19-Jährige wird zu vier Jahren Arbeitslager wegen illegaler Einreise, Verletzung internationaler Flug-Verkehrsvorschriften sowie schwerem Rowdytums verurteilt.

Frühzeitige Haftentlassung

Nach 14 Monaten im Lefortowo-Gefängnis in Moskau wird Rust am 3. August 1988 infolge einer Begnadigung durch den Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR, Andrei Gromyko, vorzeitig aus der Haft entlassen und kehrt nach Deutschland zurück.

Der damalige Bundesaußenminister Genscher setzt sich für eine frühzeitige Entlassung des jungen Piloten ein.

Der "Stern", der mit dem Kremlflieger 1988 unmittelbar nach der Haftentlassung für ein Exklusiv-Interview sprach, beschreibt den jungen Mann als "psychisch labil" und "auf gefährliche Weise weltfremd".  

Fliegen für den Frieden

Rusts Wunsch, Frieden zu stiften, gelingt ihm. Zumindest hat der Deutsche doch einen kleinen Anteil daran.

Denn der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow macht sich die Landes-Blamage zunutze und entlässt 300 Hochrangige des Militärs. Sie hatten schließlich Widerstand gegen seine Reformpolitik geleistet und am Konfrontationskurs festgehalten.

Dank Rust kann Gorbatschow das Problem elegant lösen.

Rund ein Jahr später zieht die UdSSR ihre Truppen aus Afghanistan ab. 1991 unterzeichnen Gorbatschow und der US-Präsident George H. W. Bush das "START"-Abkommen zur atomaren Abrüstung.

Es sollte nur noch fünf Monate dauern, bis die Sowjetunion zerfällt.

Mathias Rusts Abstieg nach dem Aufstieg

Nach seiner Haftentlassung folgt, wie es nicht selten der Fall nach einem kurzen Moment des Ruhms ist, der Abstieg. Rust ist überfordert mit dem Medienrummel. Er zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück, landet dann aber 1989 wieder in den Schlagzeilen.

Dieses Mal ist der Grund dramatisch auf eine andere Weise: Er attackiert eine Krankenschwester mit dem Messer, weil sie seine Zuneigung nicht erwidert.

Mathias Rust wird wegen versuchten Totschlags verurteilt und nach 15 Monaten Haft vorzeitig entlassen. Wieder hat er Glück.

Mathias Rust: Ein liebestoller, geiler Bock?

Aber was trieb Rust dazu, eine Frau fast zu töten? Im Prozess lautet eine wichtige Frage: Wäre Rust auch ohne den Kremlflug und die daraus resultierende Aufmerksamkeit zum Messerstecher geworden?

Schaut man sich an, was Rust dem Richter damals sagte, scheinen sich die Puzzleteile dieses rätselhaften Deutschen zusammenzufügen.

So soll sein Opfer ihm in einem Hamburger Krankenhaus vorgeworfen haben, er sei ein "liebestoller, geiler Bock", der es nie zu etwas bringen werde. "Das mit Moskau war auch nur ein Gag, um dich wichtig zu machen." Kurz danach greift Rust die Frau an.

Dieser Satz sitzt, was ein psychiatrisches Gutachten nach "Spiegel"-Informationen bestätigt. Es trifft den inzwischen 21-Jährigen "mitten ins Zentrum der Neurose" und Rust selbst sagt vor Gericht: "Da riss etwas in mir. Ein Schnellfilm lief ab, der Flug, die Journalisten, die Verschmähungen. Dann wurde es dunkel um mich."

Was macht Mathias Rust heute?

Die Dunkelheit sollte noch anhalten. Mathias Rust begeht weitere Straftaten, darunter Scheckbetrug und Diebstahl. In der Liebe läuft es auch nicht, zwei Ehen scheitern.

Heute ist Mathias Rust 51 Jahre alt. Nach eigener Aussage verdient der Ex-Pilot seinen Lebensunterhalt mit Pokerspielen, ist Berater – und Yogalehrer.

Im Nachhinein, sagt Rust 2012 in einem Interview, sei sein Friedensflug unverantwortlich gewesen. Aber damals habe er mit seinem Elan und seiner politischen Überzeugung "das einzig Richtige" getan.