Gefahr in der Höhe Kann man auf dem Mount Everest ertrinken?

Welt der Wunder 24.05.2019

In wenigen Wochen beginnt die Mount-Everest-Saison, mehr als 600 Menschen werden versuchen, den höchsten Gipfel der Erde zu erklimmen. Sie begeben sich in eine Region, für die der menschliche Körper nicht geschaffen ist. Und das hat Folgen!

Der Mount Everest ist der Höchste Berg der Welt
Foto:  iStock / sansubba

Everest Basecamp II, minus 15 Grad, die Hänge sind schneebedeckt: Joe Hughes kann den Gipfel des höchsten Bergs der Welt bereits deutlich erkennen – und doch weiß er, dass er es nicht schaffen wird. Nicht heute, nicht morgen. Nicht in diesem Leben. Am Morgen des vierten Aufstiegstags kann der 46-Jährige plötzlich nicht einmal mehr ein Bein vor das andere setzen. Er fühlt sich, als habe er Jahre nicht geschlafen, totale Erschöpfung hat sich in jeder Pore seines Körpers eingenistet.

Die Kopfschmerzen sind so heftig, als würde jemand eine Kreissäge durch seine Synapsen jagen. Und dennoch sind diese Beschwerden bei Weitem nicht sein größtes Problem. Denn Joe Hughes droht zu ertrinken. 6110 Meter über demMeeresspiegel. In einer Luft, die hier so trocken und dünn ist wie an kaum einem anderen Ort der Welt.

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Es kann jeden Treffen - in jedem Moment

Gestern noch in bester Verfassung, hat sich der Zustand des Amerikaners dramatisch gewandelt. Immer hektischer schnappt Hughes nach Luft, er hustet, sein Brustkorb bebt. Nach einer Stunde entscheiden sich seine Begleiter schließlich, Dr. Luanne Freer per Funk zu kontaktieren. Sie ist nicht selten die letzte Hoffnung der Verzweifelten und Sterbenden.

Die Notfallärztin leitet die höchstgelegene Klinik der Welt im Basecamp I, im Schatten des mächtigen Mount Everest. In dem 16 Quadratmeter großen Zelt der Himalayan Rescue Association (HRA) stehen drei Krankenliegen, ein Sauerstoffapparat und die Grundausstattung für die medizinische Notversorgung.

Den Strom liefern Solarpaneele und Aggregatoren. Wenn die Sonne mittags im Zenit steht, heizt sie das 5360 Meter hoch gelegene Zelt auf mehr als 30 Grad Celsius auf. In der Nacht fallen die Temperaturen auf minus 15 Grad. Nicht gerade ideale Bedingungen für eine Intensivstation. Aber immer noch besser, als 800 Meter höher vor einem kleinen Iglu an einer eisigen Felswand zu sitzen und in höchster Not nach Luft zu schnappen – so wie Joe Hughes es gerade tut.

Zu high zum Klettern: Bekiffte Bergsteiger müssen gerettet werden
Zu high zum Klettern: Bekiffte Bergsteiger müssen gerettet werden

"Bringt ihn sofort runter", befiehlt Dr. Freer den anderen Bergsteigern, als sie von Hughes’ Symptomen hört. Für die Expertin deutet alles darauf hin, dass der Bergsteiger unter einem sogenannten HAPE (high-altitude pulmonary edema), einem Höhenlungenödem, leidet. Dabei sorgt der niedrige Sauerstoffpartialdruck in der Luft dafür, dass sich die Blutgefäße in der Lunge zusammenziehen. Im Extremfall so stark, dass das Blut aus den Zellen gepresst wird – und die Atemwege voll laufen. Folge: Das Opfer ertrinkt im eigenen Blut.

Die erfahrene Medizinerin weiß: Sollte sie mit ihrer Ferndiagnose richtig liegen, zählt jetzt jede Sekunde – und jeder Höhenmeter. Das mit dem "Sofort runterbringen" ist jedoch leichter gesagt als getan. Immerhin liegen nicht nur 800 Höhenmeter zwischen der Ärztin und ihrem Patienten, sondern auch der berüchtigte Khumbu Icefall, eine Gletscherspalte, die nur mit einer Leiter überwunden werden kann. Da es keinen anderen Weg gibt und die Zeit gegen Hughes läuft, bricht sein Team umgehend auf.

Und tatsächlich: Mit vereinten Kräften schaffen es die Sherpas und die anderen Bergsteiger der Expedition nach mehreren Stunden den todkranken Mann kurz vor Einbruch der Dunkelheit zum Basecamp I zu bringen, wo Dr. Freer ihn im Zelt bereits erwartet. "Er war blau im Gesicht, stark unterkühlt, zitterte am ganzen Körper, sein Husten rüttelte gnadenlos an seinen Rippen. Ich hatte noch nie einen Menschen mit HAPE gesehen, der so nah am Tod war wie Joe", erinnert sich die heute 57-Jährige an die Patientenaufnahme.

 
 

100 Dollar fürs Überleben

Dieses Jahr von April bis Juni erwarten Experten einen Rekordansturm auf den Everest mit mehr als 600 Bergsteigern. Viele von ihnen werden schon auf den Hinweg bei Dr. Luanne Freer vorstellig. Manche brauchen nur Pflaster für ihre Blasen an den Füßen, andere leiden unter dem sogenannten Khumbu-Husten, ausgelöst durch die trockene Luft.

Wer zu gierig nach ihr schnappt, der hustet beim Aufstieg mausgroße Flocken aus Blut und Schleim. Oder dem brechen die Rippen. Hinzu kommen schwere Infektionen, sowie Thrombosen und Gastritis. 50 Dollar nimmt die amerikanische Notfallmedizinerin pro Behandlung, bei schwereren Verletzungen 100 Dollar.

Doch die meisten würden in dieser abgelegenen und unwirtlichen Gegend auch 5000 Dollar bezahlen. Denn die Abenteuer-Touristen haben sowieso schon mindestens 50 000 Dollar gezahlt, um überhaupt hierhin zu kommen und ihren großen Traum von der Besteigung des höchsten Gipfels der Welt Wirklichkeit werden zu lassen. Vor diesem Hintergrund sind 100 Dollar fürs Überleben ein guter Deal.

Die Patienten, die am schwersten verletzt sind, kommen meist von oberhalb des Basislagers – aus der sogenannten Todeszone, dem Bereich, in dem der Sauerstoffanteil in der Luft so gering ist, dass man ohne technische Hilfe nicht länger als 48 Stunden hier verbringen kann. Oder anders gesagt: Ab 7000 Metern Höhe beginnt unser Körper zu sterben.

Tatsächlich sind abgefrorene Gliedmaßen, Unterkühlungen und Knochenbrüche durch Stürze noch die harmlosesten Verletzungen und Erkrankungen, die Menschen in dieser Zone erleiden können. Ein Höhenlungenödem (HAPE) wie bei Hughes dagegen hat eine Letalitätsrate von mehr als 40 Prozent. "Die Zeit ist auf dem Everest der entscheidende Faktor", sagt Dr. Luanne Freer. So auch bei Hughes, der vor ihr auf dem Krankenbett liegt – zwischen knarzenden Gletschern, heulenden Höhenwinden und krachenden Eisstürzen …

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Warum Viagra vor dem Ertrinken schützt

"Ich bekomme keine Luft mehr", flüstert Hughes mit letzter Kraft. Die Ärztin und ihre Helfer schließen den Patienten umgehend an einen Sauerstoffkonzentrator an. In eine Art Spezialschlafsack legen sie sogenannte Hot Packs und Thermoskannen mit heißen Wasser, um Hughes’ Körper aufzuwärmen. Zudem werden ihm von der Ärztin gleich mehrere Viagrapillen verabreicht, eine Art Geheimrezept bei Menschen mit HAPE-Symptomen.

"Der Wirkstoff senkt den Blutdruck, sodass weniger Blut in die Atemwege gepresst wird und der Patient nicht ertrinkt", erklärt Dr. Freer. Parallel dazu fordert die Medizinerin einen Rettungshubschrauber aus der Hauptstadt Katmandu an, ein Notruf, den sie nur in den extremsten Fällen abgibt, da die Landung in dieser Region für die Piloten selbst lebensgefährlich ist.

Der felsige Untergrund, die unberechenbaren Böen, die dünne Luft, die kaum zum Auftrieb für die Rotoren reicht – eine kleine Drohne bei einem Orkan auf einem Schornstein zu landen, ist leichter. Und so ist es kaum verwunderlich, das Katmandu meldet, dass man, wenn überhaupt, erst einen Helikopter schickt, wenn es hell ist. Also in mehr als acht Stunden.

Dr. Luanne Freer entscheidet sich daher dafür, Joe Hughes in einen Gamow-Bag zu legen. Dieser luftdichte Überdrucksack, auch hyperbare Kammer genannt, wird mit einem Blasebalg aufgepumpt und funktioniert wie eine (De)Kompressionskammer, mit deren Hilfe der Patient einem höheren Luftdruck ausgesetzt wird. So kann ein Abstieg simuliert werden. Das bedeutet: Hughes’ Körper bekommt jetzt so viel Sauerstoff wie auf 3100 Metern.

Das wiederum weitet die Gefäße und verhindert, dass sich die inneren Blutungen noch verstärken. Und doch weiß die Extremmedizinerin: Simulation hin oder her – je länger ein HAPE-Patient auf dieser Höhe bleibt, desto geringer sind seine Überlebenschancen. Dementsprechend niederschmetternd sind die Nachrichten, die am nächsten Morgen das Basislager erreichen. Es hat geschneit, der Wind ist noch stärker geworden.

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Ein Helikopter kann hier nicht landen, vielleicht morgen. Aber dann wird der Patient tot sein. Joe Hughes muss es daher irgendwie nach Gorak Shep schaffen, die letzte dauerhaft bewohnte Ortschaft mit einem Landeplatz vor dem Aufstieg zum Basislager. Nur 200 Höhenmeter entfernt von dem Klinikzelt – für den fast schon im Delirium schwebenden Patienten aus eigener Kraft jedoch unerreichbar.

Dr. Luanne Freer stellt daher ein Team von vier Sherpas zusammen. Die stillen Helden des MountEverest tragen Tausende Kilo Ausrüstung zum Basislager – und, wenn es sein muss, todkranke Bergsteiger wieder hinunter. So wie Hughes. Schritt für Schritt wird der Amerikaner, eingewickelt in einem Schlafsack, an einem Sauerstoffgerät hängend auf den Schultern eines Sherpas über die zerklüftete Landschaft nach Gorak Shep getragen. Ein dort bereits wartender Helikopter fliegt ihn in eine Spezialklinik, wo Hughes vier Tage um sein Leben kämpft – und gewinnt. Einen Monat später ist er zurück in seiner Heimatstadt New York.

Joe Hughes hat nie wieder versucht, den größten Berg der Welt zu bezwingen. Wie Tausende andere gehört er nicht zu den Rekordhaltern, Gipfelstürmern und Helden des Everest. Sondern einfach nur zu den Überlebenden. Wem er das zu verdanken hat, weiß Joe Hughes genau: Sechs Monate nach den dramatischsten Stunden seines Lebens bringt seine Frau ein gesundes Baby zur Welt. Der Name des Mädchens: Luanne …

 

Was passiert, wenn mein Körper die Todeszone erreicht?

"Von meiner Sauerstoffmaske kratze ich das Eis ab. Seit 57 Stunden habe ich nicht geschlafen. Bei einem Hustenanfall habe ich mir zwei Rippen gebrochen – was jeden Atemzug zur Folter macht. Jetzt, auf 8848 Metern Höhe, gelangt so wenig Sauerstoff in mein Gehirn, dass meine geistigen Fähigkeiten kaum über die eines nicht besonders aufgeweckten Kindes hinausgehen. Außer Kälte und Müdigkeit fühle ich so gut wie nichts."

Der Bergsteiger Jon Krakauer wählt eindrückliche Worte für den Moment, in dem er auf dem Gipfel des Mount Everest steht. Und schildert damit ziemlich exakt die Folgen dessen, was in einem menschlichen Körper auf demMount Everest passieren kann, wenn er dort eine bestimmte Höhe erreicht.

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