True Crime

Die Story des Moormörders Ian Brady

Nicht einmal Adolf Hitler wird in England so verachtet wie er. Gemeinsam mit seiner Komplizin Myra Hindley traumatisierte Ian Brady mit seinen bestialischen Morden eine ganze Generation – und nahm ein düsteres Geheimnis mit ins Grab …

Ian Brady
Ian Brady Foto: Getty Images

Ian Brady: Der Moormörder von Manchester

Die Bilder wollen nicht aus seinem Kopf. Sie tauchen immer wieder auf, die ganze Nacht. Um sechs Uhr morgens hält es David Smith nicht mehr aus. Er kann die letzten Stunden unmöglich für sich behalten – auch wenn er es versprochen hat. Bewaffnet mit einem Messer in der Hand, geht der 17-Jährige zur nahegelegenen Telefonzelle. Ist man ihm gefolgt? Beobachtet man ihn? Seine Hände zittern, als er den Hörer abnimmt und zu wählen beginnt.

Um 6.07 Uhr geht sein Anruf auf der Stalybridge-Polizeistation ein. Detective Keith Edwards hat kaum seinen Namen ausgesprochen, da hört er schon die verängstigte Stimme des Teenagers: "Mein Name ist David Smith ... Ich rufe aus Hattersley an … Es gab einen Mord."  Was Smith dann in den folgenden Minuten Edwards erzählt, lässt selbst dem erfahrenen Detective das Blut in den Adern gefrieren.

Kurz darauf umstellen 30 Polizisten das Haus Nr. 16 an der Wardle Brook Avenue in Hattersley. Es ist der Morgen des 7. Oktober 1965. Der Tag, an dem Ian Brady als Moormörder von Manchester entlarvt wird …

Unter dem Fenster liegt ein Wäsche-Haufen. Aus dem Bündel ragt ein Fuss

Brady verzieht keine Mine, als die Polizisten die verschlossene Tür seines Arbeitszimmers öffnen. Auch seine Lebensgefährtin Myra Hindley blickt apathisch ins Leere. In dem Raum stehen ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl. Unter dem Fenster liegt ein Wäschehaufen. Aus dem Kleiderbündel ragt ein Fuß. Es ist der Fuß von Edward Evans – eines Jungen aus der Nachbarschaft. Und es ist der Beweis dafür, dass David Smith am Telefon nicht gelogen hat.

Zehn Stunden zuvor muss Smith mit ansehen, wie Brady mit einer Axt auf den Kopf von Evans einschlägt. Immer wieder. 14-mal, wie die Gerichtsmediziner später herausfinden sollten. Smith ist von seiner Schwägerin Myra Hindley unter einem Vorwand ins Haus gelockt worden – er soll den Mord mit ansehen und die Lust am Töten für sich entdecken. Diese Lust leben Brady und seine Freundin Myra Hindley zu diesem Zeitpunkt seit mehr als zwei Jahren aus.

Evans ist bereits das fünfte Opfer der beiden Serienkiller. Mit ihrem Charme überredet Hindley die Kinder aus dem Großraum Manchester, in ihr Auto zu steigen, um gemeinsam mit Brady zu ihrem Haus oder direkt ins nahegelegene Saddleworth-Moor zu fahren. Dort foltern sie ihre Opfer und vergraben sie schließlich in der menschenleeren Moorlandschaft.

Trotz der verschwundenen Kinder tappt die Polizei jahrelang im Dunkeln. Niemand kann sich in dieser Zeit auch nur annähernd vorstellen, welche grausamen Verbrechen Brady und seine Komplizin begehen – bis zum Anruf von David Smith. Aber wie tickten der Psychopath und seine Freundin? Warum gelten ausgerechnet sie als grausamste Serientäter in Großbritanniens Geschichte? Und welches dunkle Geheimnis nahm Englands meistgehasster Mann des 20. Jahrhunderts mit ins Grab?

Die Tonbandaufnahmen dauern 16 Minuten - und traumatisieren eine ganze Generation

Das Grauen kommt tröpfchenweise zum Vorschein. Das ganze Ausmaß der Gewalt wird den Ermittlern erst klar, als sie neben der Leiche von Edward Evans im Haus von Brady und Hindley ein Fotoarchiv und eine Box voller Tonbandaufnahmen entdecken. Darauf zu sehen und zu hören: Kinder, die um ihr Leben flehen, nach ihrer Mutter rufen. Die kalten Stimmen von Hindley und Brady. Und Jugendliche, die bestialisch gefoltert werden.

Im Prozess wird nur ein Tonband im Gericht abgespielt. Und nur eine Zeitung druckt den vollen Wortlaut. Doch dieser eine Artikel reicht aus, um eine Nation zu traumatisieren. Tausende Eltern in England verbieten ihre Kindern, abends aus dem Haus zu gehen, die Angst vor weiteren Psychopathen frisst sich in die Köpfe der Bevölkerung. Zudem werden Unterschriften für die Wiedereinführung der Todesstrafe gesammelt. Der Fall der Moormörder wird in England als "Ende der Unschuld" bezeichnet. Nach Meinung von Kriminologen hat kein Verbrechen die britische Seele nachhaltiger attackiert als die Taten des Killer-Duos.

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Nur wenige Tage nach der Festnahme werden im Saddleworth-Moor die Leichen von drei Opfern gefunden. Spätestens ab diesem Tag sind Myra Hindley und Ian Brady die meistgehassten Personen des Landes. Auch weil sie während des Prozesses keinerlei Reue zeigen. Im Gegenteil. Auf die Frage des Richters, ob Brady der Ansicht sei, dass die Fotos der Opfer schrecklich sind, antwortet der damals 27-Jährige emotionslos: "Nicht unbedingt." 

Stattdessen erklärt Brady, dass er sich durch die Grausamkeit seiner Morde von allen anderen Gewaltverbrechern abheben wollte. Und in einem Brief an die Presse rechtfertigt er seine Taten als "das Produkt einer existenzialistischen Philosophie, gepaart mit der Spiritualität des Todes selbst." Erst 20 Jahre nach seiner Verurteilung gibt er den Mord an zwei weiteren Kindern zu. Wo die Leiche des 12-jährigen Keith Bennet liegt – das verrät Brady trotz der flehenden Bitten der Mutter des Jungen nicht. Sie zerbricht an dieser Ungewissheit und stirbt viele Jahre vor Brady, dessen Leben am 15. Mai 2017 im Alter von 79 Jahren durch multiples Organversagen endet.

Der Beweis für die Theorie des Bösen

Myra Hindley versucht nach dem Prozess, sich vor der Öffentlichkeit als Opfer darzustellen und erklärt, sie sei von Brady zur Beihilfe gezwungen wurden, er habe sie sogar selbst gequält: "Ich fragte ihn immer wieder, warum er mich so sehr würgt. Er sagte mir, dass er an mir übt." 

Die Bevölkerung (und auch die Behörden) glauben ihr jedoch kein Wort. Auch weil sie jahrelang aus dem Gefängnis (beide Serienkiller erhalten lebenslängliche Freiheitsstrafen) Liebesbriefe an Ian Brady schreibt. Mehrfach stellt sie in den Jahrzehnten danach einen Antrag auf Begnadigung. Doch die bloße Diskussion um eine mögliche Haftentlassung verursacht Orkane der Entrüstung bei Englands Bevölkerung. Alle Anträge werden abgelehnt. Hindley stirbt 2002 im Alter von 60 Jahren an einer Lungenentzündung.

Es gibt die Theorie, dass zwei Menschen auf der Erde herumlaufen können, ohne ihr mörderisches Potenzial auszuleben. Es sei denn, sie begegnen sich und werden ein Paar. Myra Hindley und Ian Brady sind der erste Beweis dafür, dass die Theorie stimmt. Fünf Kinder bezahlten diese Erkenntnis mit ihren Leben.