DIE MYSTERIÖSESTEN EXPEDITIONEN DER GESCHICHTE

Henry Hudsons Suche nach der Nordwestpassage

Noch vor wenigen Jahrhunderten war die Erde ein Ort, über den die Menschen nicht viel mehr wussten als wir heute über den Mars. Um das zu ändern, zogen wagemutige Entdecker los, segelten hinter den Horizont, wanderten bis ins dunkle Herz der Kontinente oder drangen in die tiefsten Dschungel ein. Manche kehrten als Helden zurück – doch viele andere sah man nie wieder.

Cape Disappointment
Cape Disappointment Foto: iStock / WestWindGraphics

Meuterei auf der "Discovery"

Hinter Henry Hudson und seiner Crew liegen neun Monate Gefangenschaft im meterdicken Eis der Arktis. Die Stimmung unter den 23 Seeleuten ist am Tiefpunkt. Im Juni 1612 schöpft Kapitän Hudson jedoch wieder Hoffnung. Endlich kann er die 55 Tonnen schwere "Discovery" aus den Fesseln der Natur befreien.

Sein Ziel, als erster Mensch einen Seeweg durch die Nordwestpassage zu finden (immerhin 250 Jahre vor John Franklins Versuch), scheint wieder greifbar. Denn irgendwo hinter dieser Bucht muss der Pazifik liegen und dahinter der Orient, davon ist Hudson überzeugt – bis er am Morgen des 22. Junis 1612 aus seiner Kajüte tritt und ihm drei seiner Seeleute den Weg versperren.

Eine Meuterei hat begonnen, seine Crew weigert sich, weiterzusegeln. Die Männer fesseln den Kapitän, setzen ihn gemeinsam mit seinem Sohn und sechs der schwächsten Mitfahrer in ein Beiboot und kappen die Seile. Es ist der letzte Tag, an dem Hudson lebend gesehen wird. In einer Bucht, die heute seinen Namen trägt.

Manhattans Entdeckung

Schon zwei Jahre zuvor wähnt sich Henry Hudson seinem Ziel ganz nah. Im Auftrag holländischer Kaufleute erreicht er im September 1609 die amerikanische Ostküste bei Neufundland. Statt gen Norden zu segeln (wo die Nordwestpassage liegt), entscheidet sich der Kapitän, Richtung Süden weiterzufahren.

Schließlich gelangt die Crew an eine Flussmündung und entdeckt eine Insel, die vom Stamm der Lenni Lenape "Mannahatta" genannt wird. Hudson hat am fruchtbaren Uferland und an den Urwaldbäumen allerdings kein Interesse, er sucht weiter den direkten Seeweg nach Asien.

Als sein Schiff auf Grund läuft, muss er die Expedition jedoch abbrechen und kehrt nach Europa zurück. An diesem Tag hat er das Gefühl, gescheitert zu sein. Dabei hat er unwissentlich einen der kostbarsten geografischen Orte der Erde entdeckt: Auf der Insel am nach ihm benannten Fluss wird nur 15 Jahre später eine künftige Weltstadt gegründet: New York.

Suche nach der Nordwestpassage

Trotz des Scheiterns seiner Expedition wird Henry Hudson zwei Jahre später erneut von Kaufleuten – diesmal von der British East India Company – angeworben, um endlich die Nordpassage nach Asien zu finden. Und genau die glaubt der Entdecker durchsegelt zu haben, als er im August 1611 in die Hudson Bay einbiegt, einen bis dahin unbekannten Teil der Welt.

Er wähnt sich im Pazifik und dringt immer tiefer in die 1500 Kilometer lange und 830 Kilometer breite Bucht Richtung Süden vor. Monatelang erforscht er die Küsten und kleinen Inselgruppen – und wird vom frühen Wintereinbruch überrascht.

So kommt es am Ende zur Meuterei. Der Erste Offizier navigiert die "Discovery" schließlich zurück nach London. Nur sechs Meuterer kommen lebend an, die anderen verhungern. Hudson bleibt der Nachruhm einer Entdeckung, von der er nie wusste, dass er sie gemacht hatte.