wird geladen...
Wunder Natur

Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

Der Eingang der Son-Doong-Höhle ist wie ein Tor in die Vergangenheit. Wer es durchschreitet, den erwarten unglaubliche Wunder: ein Blick auf Millionen von Jahren Erdgeschichte, prähistorische Tiere, unterirdische Strände – und ein gut gehütetes Geheimnis …

Mensch steht auf einem Felsvorsprung in einer Höhle
iStock / BudiNarendra

Wie entsteht ein Dschungel in einer Höhle?

Absolute Dunkelheit, feuchte Luft, kahle Felswände – immer tiefer dringt die Expedition unter der Leitung des britischen Geologen Howard Limbert in die gigantische Hang Son Doong ("Bergflusshöhle") vor. Um die drei Millionen Jahre ist sie alt. Die Forscher sind 2009 die ersten Menschen, die einen Fuß in die im vietnamesischen Dschungel versteckten, kathedralenartig aufgespannten Hallen setzen.

Plötzlich erkennen die Wissenschaftler einen fahlen Lichtschein in der Dunkelheit. Beim Näherkommen offenbart sich etwas Unglaubliches: ein Dschungel mitten in der Höhle. Völlig unberührte Vegetation, mehr als 30 Meter hohe Bäume – ein winziges Stückchen echter Urwald. Vor Tausenden von Jahren war hier ein Teil der Decke eingestürzt. Auf dem 250 Meter hohen Geröllberg am Grund der Höhle entstand dank des Lichts ein einmaliger Höhlendschungel – ein Labor des Lebens in einer abgeschirmten Welt.

Wo bläst der größte Fön der Erde?

Dass die Forscher dieses Juwel der Natur untersuchen dürfen, haben sie einem Mann zu verdanken: Ho Khanh. Im Jahr 1990 streift der Holzfäller durch den Dschungel von Phong Nha in Zentralvietnam. Angelockt vom Rauschen eines unsichtbaren Flusses stößt er auf ein Loch, aus dem ein Strom dichter Wolken schießt – Ho Khanh flüchtet in Panik.

Der einsturzgefährdete Untergrund hier hat schon viele Menschenleben gefordert. Nach einem Kontakt mit Wissenschaftlern dauert es Jahre, den Eingang der vermuteten Höhle wiederzufinden: Die Pflanzen wachsen in dem Gelände so dicht wie eine Hecke.

Schließlich verrät erneut die Wolkenfabrik den Standort. Woher die Wolken kommen? Zahlreiche Kanäle mit Verbindung zur Oberfläche bringen die Höhlenluft in Bewegung. Manchmal so stark, dass Zugänge zu riesigen Föns umfunktioniert werden: Kühle Luft aus dem Erdinneren bläst nach außen und trifft auf den feuchtheißen Dschungel. Dort kondensiert Wasser zu Wolken, ähnlich wie an einem nach einer heißen Dusche geöffneten Badezimmerfenster an einem kalten Wintertag. Bis heute haben nur etwa 1.000 Menschen den "Mount Everest der Tiefe" betreten – auf dem anderen Mount Everest waren etwa viermal mehr.

100 % Feuchte

Wasser ist ein allgegenwärtiges Element im Dschungel Vietnams – aber auch in der Höhle: Die Luftfeuchtigkeit liegt bei nahe 100 Prozent. Schweißnasse Kleidung hat für die Dauer des Aufenthalts keine Chance, wieder zu trocknen.

9.000 Meter lang

Die Hang En ("Mauersegler-Höhle") ist eine Art kleiner Vorraum auf dem Weg zur eigentlichen Hang Son Doong: mit 100 Metern Höhe und 180 Metern Breite für sich schon die drittgrößte Höhle der Erde. Die neun Kilometer lange Son Doong ist noch einmal doppelt so hoch.

3 Millionen Jahre

Knapp eine halbe Milliarde Jahre alt sind die Annamite-Berge, in denen die Höhle liegt. Seit mindestens drei Millionen Jahren frisst sich der Fluss Rao Thuong dort durch das Karstgestein. Zur Regenzeit im Herbst schwillt er zu einem gewaltigen Strom an, der regelmäßig seinen unterirdischen Lauf verändert – und dabei Sandstrände wie diesen hinterlässt.

Entsteht im Herzen der Erde neues Leben?

Im Klassiker "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" aus dem Jahr 1864 beschreibt Jules Verne eine fantastische Welt, die über einen erloschenen Vulkankrater zugänglich ist. Darin: ein unterirdisches Meer, urzeitliche Tiere und Pflanzen, mystische Hallen voller rätselhafter Strukturen.

Genau das ist das Szenario, das Besucher in der Son-Doong-Höhle erwartet – aber in der Realität. Je nach Jahreszeit flutet Wasser die rund 40 Millionen Kubikmeter fassenden Kammern (entspricht etwa 16 Cheops-Pyramiden). Die Wände des uralten Karst-Massivs sind mit Spuren maritimer Fossilien übersät.

Und da, wo wie an diesem etwa 300.000 Jahre alten Einsturzloch Licht in die Höhle dringt, erobert sich das Leben eine neue Basis: Neben Pflanzensamen stürzen immer wieder Tiere wie Schlangen in die Falle, in der sich im Laufe der Zeit eine eigene Flora und Fauna entwickelt hat. So lassen sich zahlreiche Albino-Arten beobachten, die in der Dunkelheit ihre ursprüngliche Pigmentierung der Haut und/oder ihr Augenlicht verloren haben.

Passt ein Wolkenkratzer in eine Höhle?

Es gibt längere und tiefer reichende Höhlen auf der Erde. Aber keine ist in ihren Ausmaßen gewaltiger als die bis zu 200 Meter hohe Son Doong, das entspricht etwa der Größe eines 50-stöckigen Wolkenkratzers. Zum Vergleich: Der Kölner Dom misst 157 Meter.

Doch damit nicht genug. In der Höhle wachsen die höchsten Tropfsteine der Erde, sie ragen bis zu 80 Meter nach oben. Und sogenannte Höhlenperlen, üblicherweise nur millimetergroße Kugeln aus Kalkablagerungen, werden hier so groß wie Basebälle.

Der Gigantismus stellt die Forscher vor Probleme: Bei ihrer ersten Erkundung müssen sie nach vier Kilometern wieder umkehren. Eine scheinbar unüberwindliche Wand aus feuchtem und rutschigem Tropfstein versperrt ihnen den Weg – mit 80 Metern dreimal so hoch wie das Brandenburger Tor. Verantwortlich sind die gewaltigen Niederschlagsmengen von bis zu 5.000 Millimetern pro Jahr, zehnmal mehr als in Deutschland. Sie haben in Jahrmillionen sowohl den Felsboden ausgewaschen als auch Tropfsteine aufgetürmt.

Kann eine Felswand eigenes Wetter produzieren?

Eine Boeing 747 hätte genug Platz, um mitten durch die kühle, aber stickige Luft der Son-Doong-Höhle zu fliegen – und wie am Himmel würde sie dabei auf Wolken treffen: Die Höhlenkammern sind so riesig, dass sie ein eigenes Wettersystem beherbergen. Ähnlich wie in einem Dampfbad kondensiert die zusammen mit warmen Luftmassen aufsteigende Feuchtigkeit an den kühlen Höhlenwänden zu Wolken.

Bei den – gemessen ab Höhleneingang – in mehreren 100 Metern Tiefe gelegenen Dunstschwaden handelt es sich um die am tiefsten hängenden natürlichen Wolken der Erde. "Geheizt" wird das System durch das relativ warme Wasser des Höhlenflusses und eindringende Niederschläge.

Die Letzteren sorgen zudem für Überraschungen in Sekundenschnelle: Die Forscher beobachten immer wieder Phänomene wie diesen plötzlich herabdonnernden Wasserfall, der Minuten später wieder versiegt.

Gibt es ein geheimes Untergeschoss?

Die Hang Son Doong ist die größte Höhle der Welt. Aber wie groß ist sie wirklich? Bis heute haben Forscher noch kein Ende gefunden: Erst vor wenigen Monaten entdeckten Taucher die Verbindung zu einer Nachbarhöhle, die Son Doong noch einmal 1,6 Millionen Kubikmeter größer macht.

Im Gegensatz zu anderen Exemplaren der Gegend ist die weit unter Meeresspiegelniveau reichende Son Doong sehr tief. Als Taucher in einem gefluteten Abschnitt 2019 ihr Tauchlimit bei 78 Metern Tiefe erreichen, lassen sie ein Bleigewicht in das trübe Wasser mit maximal zwei Metern Sichtweite herab. Das überraschende Ergebnis: Wenigstens noch einen Kilometer weiter und 40 Meter nach unten reicht der Seitenarm der Höhle.

Um dahin vorzudringen, benötigen die Taucher spezielle Atemgasmischungen mit Helium. Diese ermöglichen Tauchtiefen von weit über 100 Metern. Im April 2020, zur Trockenzeit, planen die Forscher einen neuen Anlauf. Und dann kann es passieren, dass die größte Höhle der Welt noch ein gigantisches Untergeschoss oder einen bislang verborgenen Seitenflügel enthüllt.

Wie bezwingt man die größte Höhle der Welt?

Auch im Zeitalter von Bodenradar, Schallmessungen und Satellitenortung gibt es noch weiße Flecken auf diesem Planeten. Im Jahre 2009 setzen Menschen zum allerersten Mal einen Fuß in die vietnamesische Son-Doong-Höhle. Ein äußerst aufregender Moment für den Trupp Wissenschaftler unter Führung des Briten Howard Limbert – denn niemand weiß, was sie dort erwartet.

Am Eingang schlägt ihnen kühle, feuchte Luft entgegen. Kahle Felswände. Und absolute Dunkelheit. Nur das Rauschen des in der Schwärze verschwindenden Flusses gibt ihnen einen Hinweis darauf, dass sie nicht nur gut zu Fuß sein sollten, sondern auch ihre Kletter- und Schwimmfähigkeiten werden gebrauchen müssen.

Langsam kämpft sich das Team im Schein seiner Stirnlampen voran, immer wieder erzwingen Wasserläufe, Geröllmassen und Engstellen Pausen. Und dann stößt es zum ersten Mal auf eine Stelle, bei der der Blick durch die unterirdischen Nebelfelder nicht das Ende der gegenüberliegenden Felswände erreicht.

Lasermessungen zeigen Hunderte Meter große Hallen an. Kann das wirklich sein? Immer wieder halten sie an, um starke Lampen zu installieren. Doch auch die schaffen es nicht, die unterirdischen Kathedralen auszuleuchten. Am Ende dauert es Tage, diese zu durchqueren – und Jahre, das gesamte unwegsame Gelände zu erschließen. Die Erforschung der größten Höhle der Welt dauert bis heute an ...

Größenvergleich: Das 443 Meter hohe Empire State Building im selben Maßstab.

Südeingang

An dieser Stelle fließt der Rao Thuong in die Höhle und gibt in der Trockenzeit den Eingang frei.

Kaktus-Garten

In diesem dunklen Höhlenabschnitt befinden sich einige der größten Tropfsteine der Welt.

Deckeneinbruch

Durch hier eintretendes Regenwasser schwillt der unterirdische Fluss an und wäscht neue Gänge aus.

Dschungel

Auf einem 250 Meter hohen Schuttberg wächst unberührter Urwald mitten in der Höhle.

Schlammwüste

In diesem Abschnitt erschweren meterdicke Schlammschichten das Vorankommen.

Tropfsteinmauer

Eine 80 Meter hohe Mauer aus Tropfstein versperrt den Nordeingang der Höhle, dahinter befindet sich ein weiterer Eingang.

var premium1Fallback = mobile_premium1Fallback = '
';var premium2Fallback = mobile_premium2Fallback = '
';var premium3Fallback = mobile_premium3Fallback = '
';
var basic1Fallback = mobile_basic1Fallback = '
';var basic2Fallback = mobile_basic2Fallback = '
';var basic3Fallback = mobile_basic3Fallback = '
';