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Welt der Wunder

Die letzte Fahrt: Die dunkle Seite von Uber

Sie sind kaum mehr als ein Schatten hinter einem Lenkrad, ein Augenpaar in einem Rückspiegel. In den wenigsten Fällen kennt man die Fahrer von Taxis oder Uber. Trotzdem vertrauen wir ihnen blind, steigen in ihr Auto, verraten ihnen, wo wir hinwollen – doch nicht jeder Fahrgast kommt auch an seinem Ziel an.

Nachts im Auto
Nachts im Auto iStock / halbergman

"Sind Sie der Mörder?“ Mit einem Grinsen blickt der Fahrgast zu Jason Brian Dalton, der seinen Blick konzentriert auf die Straße richtet und mit ernster Miene verneint. So wird es später zumindest dem Polizeiprotokoll zu entnehmen sein.

Der Fahrgast, der Dalton diese ungewöhnliche Frage stellt, ist einer aus einer Dreiergruppe, die der Uber-Fahrer Dalton um 0.12 Uhr am 21. Februar 2016 mit seinem Wagen aufsammelt – und er wird nicht der Letzte sein, der dem fremden Fahrer diese Frage stellen wird. Seit dem frühen Abend des vorigen Tages warnen die Polizei und lokale Nachrichtenstationen in Kalamazoo, Michigan, vor dem Fahrer eines dunklen Chevrolet HHR. Trotz dieser vehementen Warnung und der öffentlichen Fahndung nach dem Mann hinter dem Steuer, der mehrere Menschen ermordet hat, steigen an diesem Tag immer wieder Passagiere in Daltons Chevrolet ein – und ahnen nicht, wer da hinter dem Steuer sitzt.

Die schwarzen Schafe

Daltons Auftraggeber, der Fahrdienst Uber, ist aus den USA nicht mehr wegzudenken, in vielen Ländern scheint der Siegeszug der App nicht mehr aufzuhalten zu sein. Das System des Anbieters ist ganz einfach. Uber organisiert im Grunde eine gigantische Taxi-Flotte in Hunderten Städten in aller Welt. Das Besondere: Uber-Fahrer sind keine ausgebildeten Taxifahrer.

Ab einem Alter von 21 Jahren kann im Grunde jeder für Uber fahren, der einen gültigen Führerschein und ein viertüriges Auto besitzt. Viel mehr weiß Uber über seine Fahrer jedoch nicht. Zwar überprüft die App, ob sie vorbestraft sind, einen persönlichen Kontakt oder Vorstellungsgespräche mit neuen Fahrern gibt es jedoch nicht. Während die Fahrgäste das Gefühl haben, von geschultem Personal transportiert zu werden, steigen sie tatsächlich zu wildfremden Personen ins Auto, von denen Uber selber nicht viel mehr weiß als ihren Namen und ihr Geburtsdatum. Unter ihnen: einige schwarze Schafe…

Dalton lässt sich nichts anmerken. Auf die Verkäufer in den drei Waffeläden, die er am Morgen des 20. Februar 2016 aufsucht, macht der verheiratete Familienvater einen normalen Eindruck. Ein Freund begleitet ihn, als er eine schwarze Jacke kauft, deren Schnitt es ihm ermöglicht, unbemerkt eine Handfeuerwaffe in den Taschen zu transportieren.

Der Freund, in dessen Begleitung Dalton sich befand, wird der Polizei später sagen, dass Dalton "nur ein bisschen ruhiger als sonst" war. Mit anderen Worten: Niemand konnte ahnen, welch grausamen Plan der Uber-Fahrer sich in seinem Kopf zurechtgelegt hat. Niemand wusste, dass Jason Brian Dalton plante, an diesem scheinbar ungewöhnlichen Arbeitstag mehrere Menschenleben auszulöschen.

Daltons düstere Fantasien

Der Anblick, der sich Passanten in Kalamazoo um kurz nach 16 Uhr an diesem verhängnisvollen 20. Februar bietet, lässt viele an die Szenen eines Videospiels oder eines Action-Films denken. Ein silberner Chevrolet Equinox nimmt zahlreichen Autos die Vorfahrt, fährt in den Gegenverkehr, touchiert einen anderen Wagen. Hinter dem Steuer sitzt Jason Brian Dalton, auf der Rückbank seines Wagens ein verunsicherter Fahrgast, der diese Uber-Fahrt bis ans Ende seines Lebens nicht vergessen wird.

Als Dalton den Wagen zum Stehen bringt, springt der junge Mann aus dem Auto und wählt die Nummer der Polizei. An dieser Stelle könnte die Geschichte des Brian Jason Dalton mit seiner Verhaftung enden. Doch Dalton ist noch längst nicht am Ziel seiner düsteren Träume angekommen. Statt sich zu stellen, tritt er aufs Gaspedal und fährt nach Hause, um dort das Auto zu wechseln – und vorerst aus dem Visier der Beamten zu entkommen.

Kurze Zeit später nimmt Dalton seine Fahrten mit dem Wagen seiner Frau wieder auf, einem schwarzen Chevrolet HHR. Am 20. Februar um 22.08 Uhr tötet der Uber-Fahrer Dalton zum ersten Mal. Er eröffnet das Feuer auf einen Mann, der sich mit seinem Sohn und dessen Freundin auf dem Parkplatz eines Autohändlers aufhält. Insgesamt drückt Dalton 18 Mal den Abzug, Vater und Sohn sterben.

Wie die Ermittler später feststellen werden, ist es nicht die erste Gewalttat, die Dalton an diesem Tag während der Arbeit begeht – und leider auch nicht seine letzte. Bereits vier Stunden und 26 Minuten vorher verwunden die Schüsse des Uber-Fahrers eine Frau auf einem Parkplatz. Sie überlebt nur, weil sie sich totstellte, bis Dalton vom Tatort flieht, um seine nächsten Fahrgäste aufzusammeln.

Tatort Uber

Um 22.24 Uhr erreicht Daltons Mordlust ihren Höhepunkt. Während die Polizei den Parkplatz des Autohändlers absichert, ist Dalton bereits acht Kilometer entfernt und fährt mit seinem Wagen vor einem Restaurant rechts ran. Dort verwickelt er eine Frau in einem weißen Van in ein Gespräch, ehe er seine Schusswaffe zieht und sie erschießt. Danach eröffnet er das Feuer auf ein weiteres Auto und tötet noch drei Menschen – eine Person überlebt mit schweren Verletzungen. Anschließend sammelt der Mörder seine nächsten Fahrgäste ein. Erst in den Morgenstunden des folgenden Tages wird die Polizei ihn stellen.

Fälle wie der von Jason Brian Dalton haben in den USA eine öffentliche Diskussion darüber entfacht, wie gefährlich es ist, in ein Uber-Auto zu steigen. Natürlich begehen die wenigsten Uber-Fahrer Morde – geschweige denn gleich mehrere. Trotzdem: Jedes Jahr werden Fahrgäste von Uber Opfer von Straftaten, begangen durch die Fahrer des Anbieters.

Im Jahr 2019 wurden Uber-Fahrern mehr als 3000 sexuelle Belästigungen vorgeworfen – das entspricht im Durchschnitt acht Fällen jeden Tag. 235 Fahrgäste wurden laut Uber vergewaltigt. Manche Menschen mussten ihre Fahrt bei Uber mit dem Leben bezahlen. Während 58 Fahrgäste bei Autounfällen ums Leben kamen, gab es 2019 auch neun Morde, die sich auf eine Fahrt bei Uber zurückführen lassen.

Die meisten dieser Gewalttaten entstünden aus einem Streit heraus, so ein Uber-Sprecher. "Hinter jeder dieser Zahlen steckt ein traumatisches Ereignis, das eine Person durchleben musste", erklärt Ubers Anwalt Tony West und fügt hinzu: "Trotzdem wundern mich diese Zahlen nicht. Ich wundere mich nicht, weil ich glaube, dass gerade sexuelle Gewalt etwas ist, was in unserer Gesellschaft viel weiter verbreitet ist, als viele Menschen glauben."

Auch Fahrer im Visier der Gewalt

Dabei darf man die Fahrer von Uber nicht als das alleinige Problem darstellen – insgesamt werden jedes Jahr etwa genauso viele Fahrer zu Opfern einer Straftat wie Fahrgäste während einer Uber-Fahrt. Doch ist die Summe aller Uber-Gewaltverbrechen wirklich zu vernachlässigen im Angesicht der schieren Anzahl an Fahrten, die über Uber jedes Jahr abgewickelt werden?

Fast eineinhalb Milliarden waren es allein 2019. Der Kriminologe John Roman von der University of Chicago sieht keine Entwarnung: "Diese Zahlen sind im höchsten Maße alarmierend!" Der Grund: Sowohl Morde als auch sexuelle Übergriffe geschehen nur in den allerseltensten Fällen zwischen Fremden. In der Regel kennen Täter und Opfer einander.

Bei den Uber-Opfern ist das anders. "Doch die wenigsten Menschen sind sich darüber im Klaren, wie selten solche Straftaten zwischen Fremden tatsächlich vorkommen“, erläutert Roman. In den USA führten im vergangenen Jahr insgesamt nur 450 Streitigkeiten unter Fremden zu einem Mord. In den letzten Jahrzehnten war es in den USA die Berufsgruppe der Taxifahrer, die sich am häufigsten Gewalttaten ausgesetzt sah.

Als Folge wurden in den US-amerikanischen Taxis Sicherheitsscheiben zwischen Fahrern und Passagieren eingesetzt – was zu einem Rückgang der Mordrate führte. Jetzt fordern auch Experten, dass Uber Fahrer und Fahrgäste besser schützen muss. Bisher gibt es nur die Möglichkeit, ein Fehlverhalten oder eine Straftat der anderen Partei in der App zu melden – wenn man dann noch die Möglichkeit dazu hat.

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