DIE MYSTERIÖSESTEN EXPEDITIONEN DER GESCHICHTE

Die Jagd der Nazis nach dem Ur-Arier auf dem Dach der Welt

Noch vor wenigen Jahrhunderten war die Erde ein Ort, über den die Menschen nicht viel mehr wussten als wir heute über den Mars. Um das zu ändern, zogen wagemutige Entdecker los, segelten hinter den Horizont, wanderten bis ins dunkle Herz der Kontinente oder drangen in die tiefsten Dschungel ein. Manche kehrten als Helden zurück – doch viele andere sah man nie wieder.

Potala-Palast in Lhasa, Tibet
Der Potala-Palast in Lhasa, Tibet Foto: iStock / JohanSjolander

Es ist eine Expedition, geboren aus Abenteuerlust, Rassenwahn und magischem Denken. Es geht nicht um sagenhafte Schätze, wertvolle Rohstoffe oder um die Entdeckung neuer Länder. Es geht um den Versuch, eine krude Theorie zu beweisen – den Versuch, die Ideologie, mit der die Nazis den deutschen Herrschaftsanspruch auf die ganze Welt begründen, wissenschaftlich zu untermauern.

SS-Organisation "Ahnenerbe"

Im Auftrag der SS-Organisation "Ahnenerbe" bricht am 21. April 1938 eine fünfköpfige Expeditionstruppe unter dem Zoologen Ernst Schäfer auf, um in der tibetischen Hauptstadt Lhasa Hinweise auf den sogenannten Ur-Arier zu finden.

SS-Reichsführer und Okkultist Heinrich Himmler ist der festen Überzeugung, dass sich die letzten Überlebenden der untergegangenen Zivili sa tion von Atlantis auf das "Dach der Welt" gerettet hätten. Von diesen Ur-Ariern soll die deutsche "Herrenrasse" abstammen. Als vermeintlichen Beweis für diese These führt Himmler das Hakenkreuz der Tibeter an, das dort seit Jahrhunderten das Glück symbolisiert.

Rassenwahn

Um seine Interessen durchzusetzen, schleust Himmler einen ihm loyalen Forscher ein, SS-Hauptsturmführer Bruno Beger. Denn der Expeditionsführer Ernst Schäfer interessiert sich viel mehr für die einzigartige Flora und Fauna Tibets. Als die Forscher nach Lhasa vorgelassen werden und mit Staunen den Potala-Palast, den Sitz des Dalai Lama, erblicken, zeigt sich Schäfer tief beeindruckt.

Die Deutschen treten nicht als überhebliche Eroberer auf, sondern als Forscher und bescheidene Gäste – bis auf Beger. Dieser vermisst dort die Schädel von 300 Tibetern. Er nimmt Gesichtsmasken aus Gips ab und zeichnet Körperproportionen auf. Im August 1939 kehrt die Delegation mit den gesammelten Daten nach Deutschland zurück.

Fast jede Expedition der Geschichte hat am Ende Opfer zu beklagen – doch bei dieser sind sie besonders perfide. Denn um überhaupt Unterschiede zwischen den Rassen beweisen zu können, lässt Himmler 86 Juden umbringen – und vergleicht deren Skelette mit den Daten aus Tibet. Ein Beleg für eine arische Rasse findet sich nicht – aber es ist ein weiterer Beleg für den Wahn der Nazis.