Menschen lesen

Die geheimen Körpersprache-Codes der FBI-Profiler

25 Jahre stellte sich Joe Navarro in den Dienst des US-amerikanischen Geheimdienstes FBI. Seine Aufgabe: die Enttarnung feindlicher Spione. In einer Doku für WIRED erklärt Navarro nun, wie er die Gefühle und Gedanken jedes Menschen an dessen Körper abliest …

FBI-Agent bei der Arbeit
FBI-Agent bei der Arbeit (Symbolbild) Foto: iStock / South_agency

Sein Job ist es, in die Köpfe fremder Menschen vorzudringen – ohne je auch nur ein Wort mit ihnen gewechselt zu haben. Joe Navarro war 25 Jahre lang einer der gefragtesten Männer des FBI. Als einfacher Agent war Navarro verschwendet. Zu gut war seine Menschenkenntnis, zu herausragend seine Leistung, eine neue Identität aufzubauen, aufrechtzuerhalten und sein Gegenüber zu durchschauen. Navarro erkennt die Motive, die Gedanken oder die Herkunft eines Menschen anhand winzigster Gesten und Regungen.

"Der Ausgangspunkt für jedes unbewusste Körpersignal ist das limbische System in unserem Gehirn, das Gefühlszentrum", erklärt Navarro. Hier werden die Gefühle, die ein Mensch empfindet, umgewandelt und als Impulse an die Nerven weitergeleitet. Zwar können wir diese Reaktion des Körpers bewusst manipulieren oder abschwächen, vollkommen unterdrücken können wir sie jedoch nie.

Um auch anderen Agenten des FBI beizubringen, diese Signale wahrzunehmen, wird Navarro zum Ausbilder befördert und gründet ein Programm zur Verhaltensanalyse. In den nächsten Jahren wird Navarro zahlreiche feindliche Spione in den USA enttarnen und den Agenten des FBI beibringen, wie sie selber unentdeckt bleiben. Doch auch jeder normale Mensch kann ein Meister der Körpersprache werden. Das beste Trainingsumfeld? Ein Pokerspiel.

100.000 Körpersignale

Navarro selbst analysiert das Verhalten von Pokerprofis und tritt dafür gegen Größen wie Gus Hansen an. "Profis wie er können bis zu 90 Prozent der Körpersignale unterdrücken", erklärt Navarro. Trotzdem blickt der FBI-Profiler selbst hinter das beste Pokerface.

Von dem Moment, in dem Gus Hansen seine Karten aufnimmt, bis zu dem, in dem er "all in" geht, verstreichen gerade einmal drei Sekunden. In dieser Zeit hat der Pokerspieler sich ausgerechnet, dass er mit dem Buben und der Sieben nur eine 5,7-prozentige Chance zu gewinnen hat. Trotzdem behält er ein ausdrucksloses Gesicht, als er all seine Chips in die Mitte schiebt. Doch zu seiner Überraschung schreckt Joe Navarro nicht zurück – sondern setzt ebenfalls 60 000 Dollar.

Er hat Hansens Bluff durchschaut. Gus Hansen haben in den entscheidenden Sekunden zwei Signale verraten: der Atem und die Finger. "Sein Atem setzte für den Bruchteil einer Sekunde aus, und seine Finger krümmten sich zwei Zentimeter zum Handinneren", erklärt Navarro. Beide Reaktionen sind klare Indikatoren für Stress. Dabei sind diese beiden Reaktionen jedoch nur zwei von etwa 100 000 sogenannten "Body Tells", die Joe Navarro erkennen und zuordnen kann. Welche Körpersignale jeder Mensch aussendet und wie auch wir sie mit Leichtigkeit lesen können, erklären Welt der Wunder und Joe Navarro.

Verrät unser Nacken, dass wir etwas verbergen?

Ist ein Mensch entspannt, lässt er Schultern und Nacken entspannt. Fühlt man sich jedoch ertappt, verkrampft man sich – man beginnt den Kopf unnatürlich zu neigen, die Schultern ziehen sich hoch.

Erzählt meine Stirn von meinem Leben?

Die Stirn ist für Joe Navarro ein extrem interessanter Teil des Körpers. "Die Falten, die sich dort abzeichnen, sind nicht nur ein Indikator für Stress – der Lebensstil eines Menschen lässt sich an keinem anderen Indiz besser ablesen als an den Furchen, die die Stirn des Gegenübers durchziehen."

Verraten unsere Hände, ob wir beunruhigt sind?

Die Hände ineinander gelegt, die Finger kreuzen sich, die Finger reiben wir aneinander – keine ungewöhnliche Handhaltung. Für Navarro ist jedoch offensichtlich: "Das ist ein klares Zeichen, dass sich jemand Sorgen macht. Die Person versucht sich so zu beruhigen."

Zeigen meine Lippen, dass ich mich in die Enge getrieben fühle?

Wenn ein Mensch in einen innerlichen Ausnahmezustand gerät, presst er die Lippen zusammen oder saugt sie ein Stück ein. "Das ist ein Ventil, das uns selber nicht auffällt – immerhin wissen wir nicht, wie unsere Lippen aussehen", so Navarro.

Wie enttarne ich einen Spion?

Es ist nur ein kurzes Video. Ein Mann in Anzug betritt in den USA einen Blumenladen, kommt mit einem Strauß Blumen in der Hand wieder heraus – und verschwindet in der Menge. "Es gab nicht viel zu sehen. Da waren meine Kollegen und ich uns alle eini", erinnert sich Joe Navarro vom FBI.

Doch ein ausländischer Geheimdienst hatte erst wenige Tage zuvor das FBI kontaktiert, um es auf den Mann aufmerksam zu machen. Der Grund: Der Mann, den Navarro nun in dem kurzen Video sieht, soll ein Spion sein. "Man sagte uns, dass er sich nur als amerikanischer Bürger ausgebe, tatsächlich aber ein Maulwurf sei." Es sind schwere Vorwürfe, die dem Fremden gemacht werden. Joe Navarro und sein Team müssen sich absolut sicher sein, dass der Mann auf der Aufnahme tatsächlich ein Spion ist, bevor sie ihn verhaften lassen. Mehr als die wenigen Sekunden Bewegtbild aus dem Alltag des Mannes haben sie nicht – und doch reichen diese kurzen Augenblicke für Navarro aus, um den Befehl zur Festnahme zu geben.

"Möchten Sie wissen, womit Sie sich verraten haben?", begrüßt Navarro den Spion, als er sich im Verhörraum ihm gegenübersetzt. "Sie haben die Blumen falsch gehalten." Es ist ein Detail, das vermutlich jedem anderen Menschen entgangen ist. Aber Navarro ist kein gewöhnlicher Mann. Sein Job ist es, feindliche Spione auffliegen zu lassen. Als der Fremde den Blumenladen verließ, hielt er den Strauß wie selbstverständlich mit den Blüten nach unten – eine für Osteuropa typische Art, Blumen zu transportieren. US-Amerikaner halten Blumen gewohnheitsgemäß anders herum. Dieser kleine Fehler lässt die über Jahre hinweg mühsam aufgebaute Identität des Spions wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen – und Navarro brauchte nur wenige Sekunden dafür.

Warum fasse ich mir an die Nase, wenn ich lüge?

26-mal pro Minute fasste sich Bill Clinton bei seiner Aussage zur Lewinsky-Affäre an die Nase. Körpersprache-Experten wussten sofort: Der US-Präsident lügt. Grund: "Wenn man lügt, wird das Gewebe in der Nase stärker durchblutet und schwillt an. Das führt zu Nasenjucken", erklärt der US-Neurologe Alan Hirsch.

Verrät die Zunge, ob ich erwischt wurde?

Ganz gleich, ob beim Pokern, in einem FBI-Verhör oder bei Geschäftsverhandlungen – Menschen, die das Gefühl haben, mit etwas davongekommen zu sein, streichen mit ihrer Zunge für wenige Millisekunden über ihre Lippen. Grund dafür sind die trockenen Lippen, die durch die erhöhte Wachsamkeit bei jemandem entstehen, der etwas zu verheimlichen versucht.

Wie sitze ich, wenn ich unantastbar sein will?

Wer Dominanz demonstrieren und dem Gegenüber deutlich machen will, dass er in seiner Position unantastbar ist, lehnt sich zurück. Diese Sitzposition wirkt einschüchternd, wertet den anderen ab und vermittelt ein (unbegründetes) Überlegenheitsgefühl.

Entlarvt meine Stirn, ob ich ein Heuchler bin?

"Wer wissen will, ob jemand tatsächlich mitfühlend ist oder dies nur vorspielt, muss auf die Stirn achten", erklärt der Körpersprache-Experte Bernhard P. Wirth. Jeder kann das bei einem Nachrichtensprecher beobachten: Wenn er wirklich von der Nachricht betroffen ist, bilden sich waagerechte Falten auf seiner Stirn. Ist er am Thema nicht interessiert, gibt es auch keine Falten.

Wohin zeigen meine Zehen, wenn ich mich freue?

Ein Indiz dafür, dass sich jemand wirklich über eine Nachricht freut, sind seine Zehen. "Sie werden unterbewusst vom limbischen System gesteuert und zeigen nach oben, wenn jemand etwas Positives erfährt", sagt Joe Navarro.

Wo sind meine Hände, wenn ich mich unwohl fühle?

Berührt sich eine Frau in dem Bereich zwischen Hals und Ausschnitt, verrät sie dadurch, dass sie sich unwohl fühlt. Männer dagegen greifen sich in einer vergleichbaren Gefühlslage eher in den Nacken. Beide Reaktionen werden unterbewusst gesteuert und sollen für Ablenkung beziehungsweise für mehr Schutz sorgen.

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Wie stehe ich, wenn ich dominant sein will?

Stemmt jemand die Arme in die Hüften, bedeutet das, dass er seine Dominanz ausbauen will. Er versucht, sich mit dieser Pose breiter zu machen, als er ist. Raumgreifende Gesten sind evolutionär bedingt und auch bei vielen Tieren zu beobachten.

Wohin wandern meine Pupillen, wenn ich lüge?

Es sind nur 25 Millisekunden: Wer eine Frage gestellt bekommt und bei der Antwort die Pupillen nach oben rechts bewegt (Sky eyes), der lügt. Der Mikroausdruck ist ein klares Indiz dafür, dass sich jemand etwas ausdenkt und mit den Augen im Raum nach Ideen sucht.

Fehlt mir der Überblick, wenn ich ir ans Ohr fasse?

Der Griff mit der Hand zum Ohrläppchen bedeutet: Ich will schärfer sehen. Grund: Am Ohrläppchen liegt der Akupunkturpunkt für die Augen, über den unbewusst das Sehvermögen stimuliert wird. Ein Reiben des Ohrläppchens signalisiert: Ich möchte einen besseren Überblick haben.

Verrät meine Kopfhaltung, ob ich interessiert bin?

"Wenn jemand im Gespräch den Kopf nach links neigt, verrät das Skepsis und Zweifel. Ein nach rechts geneigter Kopf signalisiert dagegen Gesprächsbereitschaft. Eigene Interessen werden dabei vorübergehend in den Hintergrund gestellt", erklärt der Körpersprache-Experte Bernhard P. Wirth.

Verrät meine Fingerhaltung, wie überzeugt ich bin?

Legt ein Mensch seine Hände so zusammen, dass sich ausschließlich die gegenüberliegenden Fingerspitzen berühren (Merkel-Raute), ist er von seiner Idee beziehungsweise seinen Gefühlen sehr überzeugt. Die Handhaltung soll das unterstreichen.

Warum wippen meine Füße bei heimlicher Freude?

"Das Bewegen der Füße gehört zu den verlässlichsten Körpersignalen", sagt Joe Navarro. Verspürt ein Mensch Freude, will sie aber nicht ausleben, bewegt er reflexartig die Füße. Um diesen Body Tell zu lesen, muss man jedoch nicht nach unten sehen, denn sobald ein Mensch mit den Füßen tippelt, "wippen" auch seine Schultern einige Zentimeter auf und ab.

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Wie sitze ich, wenn ich eigentlich weg will?

Legt ein Mensch seine Hände auf die Knie, ist dies ein klares Signal, dass er gehen will. Grund: Diese Bewegung ist die erste körperliche Aktion, die gestartet wird, um aufzustehen. "Die Hände stützen sich auf die Knie, um das Gewicht des Oberkörpers nach oben zu hieven“, erklärt Navarro.

Wie groß sind meine Schritte, wenn ich Angst habe?

An kleinen Schritten lassen sich häufig Angst und Vorsicht ablesen. So bewegt man sich in einer Situation, die einem nicht geheuer ist, und signalisiert Unschlüssigkeit, der man mit einem gewissen Unwohlsein begegnet. Auf jeden Fall wird das Bestreben deutlich, eventuellen Gefahren aus dem Weg zu gehen.

Werden die Lippen schmaler, wenn ich wütend bin?

Zusammengepresste Lippen sind ein Indiz dafür, dass ein Mensch wütend oder ängstlich ist – es aber nicht zeigen will. Das Gehirn versucht automatisch, alle weiteren Einwirkungen vom Körper fernzuhalten, um sich nur auf die Information zu konzentrieren, die ihn in diese Lage gebracht hat. Das System schließt buchstäblich die Schotten, in diesem Fall den Mund.

Verraten meine Finger, wenn ich jemanden hasse?

In verschiedenen Studien fanden Körpersprache-Experten heraus: Sobald ein Mensch sein Gegenüber unsympathisch findet oder eine extreme Abneigung verspürt und ein Gegenstand vor ihm liegt, versucht er, den Gegenstand mit seinem Mittelfinger vorzuschieben.

Bewegt sich meine Nase, wenn mit etwas nicht gefällt?

Sobald ein Mensch etwas erfährt, das ihm nicht gefällt, zieht er für wenige Millisekunden die Nasenflügel hoch. Diese Reaktion gehört zu den unbewussten Mikroausdrücken, die vom limbischen System im Gehirn gesteuert werden.

Welche Zeichen senden mein Gesicht und mein Körper aus, wenn mir etwas oder jemand gefällt?

"Unsere Pupillen dehnen sich aus, wenn wir etwas Schönes sehen. Wenn wir jemanden nicht mögen, verengen sich unsere Pupillen hingegen. Darauf haben wir keinerlei Einfluss, es entzieht sich unserer Kontrolle. Unser Gehirn reguliert diese Pupillenöffnung: Wenn wir etwas mögen, lässt es mehr Licht in unsere Augen. Während meiner FBI-Zeit konnten wir die Mittelsmänner eines Spions, den wir verhörten, nur ermitteln, weil wir dem schweigsamem Mann Namensschilder mit Verdächtigen zeigten. Als seine Pupillen sich bei zwei Namen verengten, wussten wir, wen wir zu verhaften hatten.

Warum enthüllt unser Gesicht so viel über unser Innenleben?

"Das Gesicht ist der meiststudierte Körperteil, es bewegt sich buchstäblich auf Augenhöhe, zeigt, wenn es uns gutgeht oder uns unbehaglich ist. Man erkennt, ob jemand ehrlich lächelt. Dann ist das Gesicht sehr entspannt, beide Gesichtshälften sind am Lächeln beteiligt, und es bilden sich kleine Falten um die Augen. Ein falsches Lächeln beschäftigt nur die untere Hälfte des Gesichts. Doch wenn wir jemanden sehen, den wir nicht mögen, lächeln wir ihn zwar an, weil das höflich ist. In einem solchen Fall übernimmt aber unser Körper die Übermittlung unserer wahren Gefühle: Die Spannung in unseren Schultern und Händen erhöht sich, unsere Füße drehen sich instinktiv weg. So gesehen sind unsere Füße sehr viel ehrlicher als unser Gesicht, weil sie nicht derart unter Beobachtung stehen."

Waron erkenne ich, ob mein Chef jetzt gerade in der richtigen Laune für ein Gehaltsgespräch ist?

"Das erkennen Sie an seiner Kopfhaltung: Ist der Kopf sehr steif und gerade, oder ist er etwas zur Seite geneigt? Ein geneigter Kopf ist ein gutes Zeichen. Das machen viele Paare bei einem Date. Wenn wir das tun, zeigen wir, dass wir zuhören und uns interessiert, was der andere sagt. Und dass wir einander nicht als Bedrohung betrachten. Auch Ihr Boss zeigt so, dass er Ihnen zuhört und sich nicht gegen Sie sträubt. Das ist fast unmöglich nachzumachen, wenn man misstrauisch und angespannt ist."

Wie ich mein Gegenüber analysiere

Eine Pokerrunde ist das perfekte Übungsfeld, um die Körpersprache von Menschen zu analysieren. Denn jede Person an dem Tisch versucht sich nicht anmerken zu lassen, wie gut oder schlecht ihre Karten auf der Hand sind. Doch Joe Navarro weiß: Jeder Mensch gibt unentwegt Körpersignale ab. Wie reagiert mein Gegenüber, wenn eine neue Karte aufgedeckt wird. Stockt sein Atem vor Anspannung? Weiten sich seine Pupillen oder kontraktieren sie?

"Einem Pokerspieler gegenüberzusitzen, ist, wie mit einem Spion an einem Tisch zu sitzen", erläutert Navarro. "Beide reagieren unwillkürlich auf auftretende Reize und versuchen ihre Regungen so gut sie können zu verschleiern – vergeblich."