Geht unter die Haut

Die geheime Chemie der Tattoos

Etwa 100 Millionen Menschen in Europa sind tätowiert. Doch was heißt das eigentlich für die Haut? Tatsache ist: Mit dem ersten Nadelstich beginnt ein biochemischer Prozess, der den Körper ein Leben lang beschäftigt – und den Mediziner bis heute nicht gänzlich verstehen.

Ein Tattoo in Arbeit
Die geheime Chemie der Tattoos Foto: iStock / draganab

Ein markantes Surren dringt durch den Raum. Gerade durchschlagen mehrere 0,3 Millimeter dünne Nadeln die Haut von Robert C. – und das 50-mal pro Sekunde. Sie sind zu einem winzigen, aber hochfesten Pinsel angeordnet, dessen "Haare" aus geschliffenem Edelstahl bestehen. Zwischen ihnen klebt Tinte. Stich für Stich hämmert die Maschine die Flüssigkeit rund zwei Millimeter tief in die Haut. Eine Stunde und etwa 150 000 Schläge später ist die Arbeit für den Tätowierer beendet, für Roberts Körper hat sie dagegen gerade erst begonnen. Und sie wird bis an sein Lebensende andauern ...

Pro Quadratzentimeter Haut steckt jetzt etwa ein Milligramm Tinte in Roberts Körper. Ein Tattoo von der Fläche eines Taschenbuchs wiegt also 0,2 Gramm, je nach Technik und Geschick des Tätowierers kann aber auch das Neunfache zusammenkommen. Die erste Reaktion des Immunsystems ist daher eine großflächige Entzündung, sichtbar an der Rötung der Haut rund um die Einstichstellen. Zudem befinden sich da plötzlich Fremdstoffe, und die will der Körper wieder loswerden – so schnell wie möglich.

Lässt sich das Gehirn tätowieren?

Der Abtransport des wasserlöslichen Trägermaterials der Farbpigmente bereitet kaum Probleme: Schließlich ist die Lederhaut, der Zielort der vieltausendfachen Injektion, von Blutund Lymphgefäßen durchzogen. Schwieriger wird der Umgang mit der Farbe selber: Denn dieses hochgradig feine Pulver ist so gut wie nicht in Wasser löslich. Aber Fresszellen, die sogenannten Makrophagen, können nur die kleinsten Partikel umfließen und abtransportieren, deswegen verblassen die Bilder mit der Zeit.

"Innerhalb von 42 Tagen können so bereits 30 Prozent der Pigmente in andere Körperbereiche gelangen", erklärt Peter Laux, der beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mögliche gesundheitliche Folgen von Tattoos untersucht. Doch wohin bewegen sich diese Stoffe, deren kleinste Bestandteile mit einer Größe von unter einem Zehntausendstel Millimeter bereits die Grenze zu Nanopartikeln unterschreiten?

Michael Landthaler, ehemaliger Chef der Dermatologie am Uniklinikum Regensburg, ist sich sicher: "Das landet überall im Körper – in der Leber, im Gehirn und in den Nieren zum Beispiel." Was also die Haut verzieren soll, kann durchaus unter der Schädeldecke eine zweite Existenz beginnen. Einen Beweis für die Mobilität der Pigmente hat jeder Pathologe auf dem Seziertisch: Lymphknoten in der Nähe eines Tattoos verfärben sich gern in dessen dominierender Farbe: Es gibt also beispielsweise rote, grüne oder schwarze Exemplare dieser eigentlich weißen Filterstationen des Körpers …

Was nur die wenigsten wissen: Während für Kosmetik und Arzneimittel vor der Vermarktung Tests vorgeschrieben sind, existieren derartige Prüfungen für Tätowiertinte nicht. "Im Prinzip kann jeder Mensch seine eigene Farbe anrühren und in Deutschland verkaufen – solange er die Inhaltsstoffe auf der Flasche deklariert und keine verbotenen Substanzen verwendet", erklärt Laux.

Erst seit ein paar Jahren verbietet eine spezielle Tätowiermittel-Verordnung überhaupt die Verwendung gesundheitsschädlicher Farben. Das Problem: Ihre Gefährlichkeit wurde nur bei Tests mit Kosmetika geprüft – also bei Anwendung AUF der Haut. Viele Mittel sind aber lediglich deshalb in Kosmetik einsetzbar, weil zwischen ihnen und dem Körper noch die schützende Epidermis-Barriere liegt. Was sie IM Körper ausrichten – das weiß bis heute niemand.

"Kein Institut hat diese Farben jemals systematisch auf ihre Gefährlichkeit untersucht. Und die europäische Gesetzgebung sieht vor, dass dafür keine Tierversuche mehr gemacht werden dürfen", erklärt Andreas Luch vom BfR, schließlich sind Tattoos eine freiwillige Angelegenheit. Anders gesagt: Dass Tinten nicht verboten sind, macht sie im Umkehrschluss nicht zu gesundheitlich unbedenklichen Stoffen. Vielleicht existieren tatsächlich harmlose Tinten, aber welche das sind, ist nicht bekannt. "Das Risiko trägt allein der Verbraucher. Das hat schon etwas von einem großen Menschenversuch",so Luch.

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Verwandelt Sonnenlicht ein Tattoo in ein Chemielabor?

Die Zahl der Menschen, die an diesem Experiment teilnehmen, steigt stetig: Allein in Deutschland ist bereits fast jeder Vierte unter 30 Jahren tätowiert. Zahlreiche prominente Leistungssportler sind darunter, was vielen Tattoo-Fans als Beweis für die Harmlosigkeit des Körperschmucks dient. Und tatsächlich konnte bis heute kein einziger Fall von Krebs eindeutig auf eine Tätowierung zurückgeführt werden. "Das ist allerdings kein Wunder: In den großen Gesundheitserhebungen wird bislang gar nicht abgefragt, ob jemand tätowiert ist oder nicht", erklärt Laux. "Umfragen zeigen aber, dass etwa neun Prozent der Tätowierten dauerhafte gesundheitliche Probleme haben – die Dunkelziffer dürfte sogar höher liegen, da viele dies vermutlich aus Scham verschweigen."

Das häufigste Problem sind Allergien, die sich manchmal erst Monate oder sogar Jahre später entwickeln. Gegen alle klassischen Pigmente wie Chrom- (grün), Kobalt- (blau), Kadmium- (gelb) oder Quecksilber- (rot) Verbindungen sind Allergien bekannt. Obwohl die Hersteller moderner Tinten Schwermetalle heute zu vermeiden suchen, bleiben sie im Verkehr: Braune Farbpigmente etwa sind oft mit Nickel verunreinigt – also dem Schwermetall, das als häufigster Auslöser von Kontaktallergien gilt.

Die meisten Allergien bilden sich aber bis heute gegen Rot – und gerade diese Farbe hat noch eine andere Schwäche: Sonnenlicht. "UV-Strahlen spalten bestimmte Pigmente auf", so Laux. Das Verblassen des Motivs sowie ein Kribbeln auf der Haut sind die harmloseren Folgen, die Entstehung zellschädigender und Krebs erregender Substanzen die schwereren. Laut Umfragen hat etwa einer von fünf Tätowierten gesundheitliche Probleme mit der Sonne, die sich nur mit einer starken Sonnencreme eindämmen lassen. Doch manchmal hilft nicht einmal das: Bilden sich Fuschwererunkel und hartnäckige Entzündungen, muss ein Arzt in schweren Fällen die betroffenen Hautpartien komplett chirurgisch entfernen.

Bei genauer Betrachtung ist das große allergische Potenzial nicht besonders verwunderlich, denn schließlich stammen die verwendeten Pigmente nicht etwa aus Pharmalaboren oder von Kosmetikherstellern, sondern aus der Warenindustrie. Schwarz besteht beispielsweise aus verbrannten Chemikalien – im Prinzip also aus dem gleichen Ruß, mit dem auch Autoreifen gefärbt werden. Die bunten Farbpigmente wurden für viele Zwecke entwickelt: für Autolacke, Möbel, Geschirr, Druckerpatronen oder Textilien – aber nicht für die Anwendung innerhalb des menschlichen Körpers.

Sie sind von den Herstellern auch niemals dafür freigegeben worden. Tatsächlich müssen auch die Tattoo-Künstler den Experimentcharakter ihrer Arbeit eingestehen: "Unserer Meinung nach sind Tattoofarben im Moment nicht wirklich sicher", sagt Andreas Schmidt, Vizepräsident des Vereins Deutsche Organisierte Tätowierer, und fordert toxikologische Tests. "Ein Anfang wäre bereits mit einem persönlichen 'Tattoo-Pass' gemacht, der die in die Haut eingebrachten Stoffe exakt festhält", so Laux. Denn los wird man sie nie – ein Tattoo ist eine Entscheidung fürs Leben …

Wie gelangt die Frabe in die Haut?

Ob per Maschine im Tattoo-Studio oder von Hand, wie in vielen Naturvölkern: Immer wird ein spitzer Gegenstand zusammen mit etwas Farbe wiederholt in die Haut gerammt. Moderne Maschinen nutzen sogar mehrere Nadeln parallel, die mit hoher Geschwindigkeit die Haut durchschlagen und die Tinte in die Haut befördern. Je nach Konstruktionsart erhält der Tätowierer eine feine Linie, eine Schattierung oder einen breiten Strich. Die Farbe "klebt" an der oder den Nadeln und bleibt in der Haut stecken. Die Wahl der Tinte ist entscheidend, denn wissenschaftliche Studien zu deren Verträglichkeit gibt es keine, nur Erfahrungswerte. Hinzu kommt, dass – trotz des Hinweises auf Sterilität – nach verschiedenen Untersuchungen jeder zehnte Tintenbehälter mit Bakterien belastet ist.