Die gefährlichsten Lügen der Weltgeschichte

Die Dolchstoß-Legende: Wie Deutschland den Ersten Weltkrieg verlor

Rufmord, Propaganda, Verleumdung: Immer wenn Mächtige ihre Ziele erreichen wollen, ist die Wahrheit das erste Opfer. Oft werden diese Lügenschnell enttarnt. Doch es gibt auch welche, die bleiben Jahrhunderte bestehen – und verändern den Lauf der Welt, so auch die sogenannte Dolchstoß-Legende.

Deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg
Deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg (Symbolbild) Foto: iStock / Johncairns

Die Dolchstoß-Legende

Als Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg am 18. November 1919 den Sitzungssaal des Parlamentarischen Ausschusses im Berliner Reichstag betritt, wird es still. Der Mann, den seit der Abdankung von Wilhelm II. die Aura eines Ersatzkaisers umgibt, erscheint in einer mit Orden behangenen Paradeuniform. Flankiert wird er von einer Ehrengarde der Reichswehr. 

Der ehemalige Chef der Obersten Heeresleitung war bis vor Kurzem der mächtigste Mann des Reiches – und soll nun dem jungen deutschen Parlament darüber Rede und Antwort stehen, wie es zur Niederlage im Ersten Weltkrieg kommen konnte. Doch Hindenburg denkt gar nicht daran. Anstatt Verantwortung zu übernehmen, bezichtigt er die Parlamentarier des Verrats am Vaterland – und verdreht mit nur einem Satz die Geschichte: "Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden." Eine Lüge, die von der alles entscheidenden Frage ablenken sollte:

Wer ist schuld an der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg?

Hindenburg bedient mit seiner Anklage eine Verschwörungstheorie, die schon seit Kriegsende die Gemüter in Deutschland erhitzt. Demnach seien die braven deutschen Soldaten in den Schützengräben von "oppositionellen, vaterlandslosen Zivilisten" an der Heimatfront im Stich gelassen worden. Der Krieg sei verloren worden, weil gewissenlose Demokraten im Rücken des kämpfenden Heeres eine Revolution angezettelt hätten.

"Im Felde", so erklärt Hindenburg, "war das deutsche Heer ungeschlagen." Eine Lüge, die wahrscheinlich mehr Tote verursachte als jede andere – und die sich dennoch damals mit der Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung deckt. 

Der Grund: Die deutsche Kriegspropaganda hatte wider besseres Wissen bis kurz vor Kriegsende einen Sieg in Aussicht gestellt. Dazu passte, dass im Sommer 1918 die deutsche Besatzung in Ostfrankreich anhielt – und keine Kampfhandlungen auf deutschem Boden stattfanden. Im November 1917 wurde sogar die Kapitulation Russlands verkündet – die für das Deutsche Reich einen enormen Gebietsgewinn bedeutete.

Hindenburgs Lüge

Dass Russland nicht vom deutschen Heer, sondern von russischen Revolutionären besiegt worden war und im Westen spätestens mit dem Kriegseintritt der USA am 2. April 1917 das deutsche Reich mit Blick auf das "Übergewicht der Feinde an lebendem und totem Kriegsmaterial" – wie Hindenburg selbst festhält – chancenlos war, verschweigt er. Dass Hindenburg dagegen ausgerechnet der Heimatfront, die das deutsche Militär vier Jahre bedingungslos unterstützt hat, einen Verrat vorwirft, muss rückblickend nicht nur als unehrlich – sondern auch als unehrenhaft angesehen werden.

Denn Hindenburg verschleiert vor dem Untersuchungsausschuss nicht nur die Wahrheit – er verschweigt auch seine Schuld. Entgegen seiner Darstellung ist es Hindenburg selbst, der1917 – als man mit dem Feind noch auf Augenhöhe verhandeln konnte – einen Verständigungsfrieden ablehnt. Wochenlang flehen die vermeintlichen Verräter im Parlament den Feldmarschall regelrecht an, diese fatale Entscheidung zu überdenken. Vergeblich.

Doch damit nicht genug: Nachdem Hindenburg das Deutsche Reich so in eine militärische Sackgasse manövriert hat, verliert er im Zuge des alliierten Frontdurchbruchs am 3. August 1918 vollkommen die Nerven – und lässt über seine Generalität eigenmächtig den deutschen Rückzug verkünden. Dies ist der eigentliche Dolchstoß für die deutschen Soldaten. Denn dank dieses fatalen Signals haben die Alliierten jetzt die Gewissheit, dass sie ihren Feind geschlagen haben – bis dahin wissen sie nicht, wie stark die deutsche Armee tatsächlich noch ist.

Nährboden für den Nationalsozialismus

Eine Gewissheit, die sie später dazu nutzen, in Versailles, wo Hindenburg es vorzieht, nicht zu erscheinen, den Frieden nach ihren Bedingungen zu diktieren. Während die Parlamentarier für die von der Militärführung verursachte Niederlage öffentlich den Kopf hinhielten und versuchten, für Deutschland einen erträglichen Deal auszuhandeln, hatte Hindenburg nicht einmal den Schneid, den Mund zu halten.

Um seine eigene Reputation zu retten, begann er skrupellos, seine Lügen zu verbreiten. Die Konsequenzen seiner Verleumdungen sind für die junge deutsche Demokratie verheerend. Es ist die Geburtsstunde der sogenannten "Dolchstoßlegende", jenes Mythos, der wie ein schleichendes Gift in wenigen Jahren die junge deutsche Demokratie von innen zersetzt und zum Nährboden für einen noch viel grausameren Krieg wird.

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