Die größten Fälschungen der deutschen Geschichte

Deutschlands gefälschter Wunsch nach Demokratie

Wie der preußische König die erste deutsche Demokratie im Keim erstickte.

deutsche Fahne
Als Preußens König seinem Volk Demokratie vortäuschte. Foto: iStock / filipefrazao

Der Funken der Französischen Revolution

"Ich will keine Krone, keine Herrschaft, ich will Deutschlands Freiheit, Deutschlands Einigkeit.“ Mit diesen falschen Worten wendet sich Preußens König Friedrich Wilhelm IV. am 21. März 1848 an die Bürger Berlins. Er fühlt sich dazu genötigt, denn die Lage in der Stadt ist zum Zerreißen gespannt, seit der revolutionäre Funke von Frankreich auf Preußen übergesprungen ist.

Die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung entzündet sich an krassen sozialen Missständen sowie an den politischen Repressionen der monarchischen Obrigkeit und gipfelt schließlich in bürgerkriegsartigen Zuständen: 300 Tote fordert allein die Berliner Barrikadennacht – eine Zahl, die den König einlenken lässt: Er gibt bekannt, dass er die Bildung eines gesamtdeutschen Parlaments unterstützt. Kurz darauf reitet er mit einer schwarz-rot-goldenen Armbinde, den Farben der Revolution, durch die Stadt und verkündet, dass Preußen fortan in Deutschland aufgehen soll. Was niemand ahnt: Seine Worte sind nichts weiter als ein Mittel zum Zweck.

Eine taktische Lüge, mit der er seine wahren Absichten verschleiern und Zeit gewinnen will, denn nur einen Tag später schreibt Friedrich an seinen Bruder: "Die Reichsfarben musste ich aufstecken, um Alles zu retten. Ist der Wurf gelungen, so lege ich sie wieder ab!"

"Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!"

Zunächst setzt der König in Preußen tatsächlich eine liberale Regierung ein. Doch parallel dazu bildet er ein geheimes Schattenkabinett, das die Konterrevolution vorbereitet. Diesem "ministre occulte" gehört auch ein gewisser Otto von Bismarck an. Als die linken Kräfte stärker werden und das Gottesgnadentum des Königs aus der Verfassung streichen lassen, schlägt der Monarch zurück: "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten", verkündet er und lässt am 10. November 15 000 Mann durch das Brandenburger Tor marschieren und die Nationalversammlung kurz darauf auflösen. "Nun bin ich wieder ehrlich", jubelt der König. Er wandelt Preußen zu einer konstitutionellen Monarchie um und erlässt eine Verfassung, die letztlich vor allem seine Macht sichert.

Die gescheiterte Demokratie

In Frankfurt debattieren die Abgeordneten jedoch weiter, als sei nichts geschehen, und verabschieden am 28. März 1849 schließlich eine Verfassung, die ihrer Zeit weit voraus ist – inklusive eines allgemeinen Wahlrechts und weiteren rechtsstaatlichen Prinzipien, die erstmals auch für Juden gelten. Sogar die heutige Machtverteilung von Bundestag und Bundesrat ist schon angelegt. Als Friedrich Wilhelm IV. sich jedoch weigert, Kaiser dieses neuen Deutschlands zu werden, und die Krone ablehnt, entzieht er der Revolution damit auch auf gesamtdeutscher Ebene den Boden.

Die Frage, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn es schon 70 Jahre vor der Ausrufung der Weimarer Republik eine deutsche Demokratie gegeben hätte, bleibt spekulativ. Womöglich wäre Karl Marx nie ins Londoner Exil geflohen, um sein Hauptwerk "Das Kapital" zu schreiben, das später viele kommunistische Bewegungen inspirieren sollte. Das 1871 gegründete Kaiserreich, das der Großneffe des Preußenkönigs, Wilhelm II., 1914 in einen Weltkrieg mit Millionen Toten führt, hätte es so sicher nicht gegeben. Immerhin die in Frankfurt beschlossene Reichsverfassung überlebt die Revolution: Sie dient sowohl den Gründervätern der Weimarer Republik 1919 als auch 100 Jahre später dem Parlamentarischen Rat in Bonn als Vorbild: Ganze Passagen des Grundgesetzes beruhen auf ihr.