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"Killologie"

Dave Grossman: "Ich bringe euch das Töten bei ..."

Für Dave Grossman besteht kein Zweifel: Die US-Polizei befindet sich im Krieg und darf sich weder scheuen, Gewalt anzuwenden, noch, jemanden zu töten. Das Problem: Der selbst ernannte "Killologe" gibt seine Thesen Tag für Tag an Tausende Beamte weiter – seine Bücher stehen sogar auf dem Lehrplan der FBI Academy.

Dave Grossman, der Killologe
Dave Grossman, der "Killologe" Facebook / Lt. Col. Dave Grossman

Saint Paul, Minnesota, am 6. Juli 2016: Der Abend ist gerade angebrochen, als sich Philando Castile in seinem Oldsmobile auf den Heimweg macht. Der 32-jährige Schulkantinenmitarbeiter erzählt seiner Lebensgefährtin und ihrer vierjährigen Tochter von seinem Arbeitstag, als plötzlich Sirenengeheul ertönt. Castile erkennt den Streifenwagen im Rückspiegel und fährt sofort rechts ran, als er das Anhaltesignal sieht. Kurz darauf steht ein Polizist neben der Fahrertür. "Ihr Rücklicht ist defekt, Sir", sagt Officer Jeronimo Yanez.

Castile bleibt ruhig, reicht dem Mann seinen Versicherungsschein und informiert ihn dann höflich darüber, dass er eine Erlaubnis für die Pistole in seiner Tasche habe – so wie es seine Pflicht als Waffenbesitzer ist. Doch genau dieser Satz lässt Yanez erstarren, denn er erinnert sich an die Worte, die er kürzlich bei einem zweitägigen Polizeitraining gehört hat: "Jede einzelne Verkehrskontrolle könnte die letzte deines Lebens sein." Ab da dauert es noch exakt sieben Sekunden, bis Yanez seine Dienstwaffe zückt und in kurzen Abständen sieben Schüsse aus nächster Nähe auf Castile abfeuert. Zehn Minuten vergehen, ehe Erste Hilfe geleistet wird, Castile stirbt kurz darauf in der Notaufnahme. Yanez wird wenige Monate später freigesprochen …

Dave Grossman: Wie wird man zum "Killologen"?

Das Seminar, das Jeronimo Yanez absolviert hatte, trug den vielsagenden Titel "Bulletproof Warrior" (auf Deutsch sinngemäß "der kugelsichere Krieger"). Fast täglich werden solche Polizeischulungen überall in den USA angeboten – und der Mann, der sie entwickelt hat und meist auch persönlich durchführt, heißt Dave Grossman.

Der 61-jährige Ex-Offizier war lange Zeit als Psychologe an der US-Militärakademie in West Point tätig. Seit seinem Ausscheiden aus der Army vor 19 Jahren hat er mit Hunderten Behörden zusammengearbeitet, darunter dem FBI und dem Secret Service. Fast 300 Tage im Jahr ist er im ganzen Land unterwegs, um vor Polizeibeamten über das zu sprechen, was er als "Killologie" bezeichnet – die wissenschaftliche Erforschung des Tötens. "Mich interessieren die Faktoren, die diesen Schritt erleichtern oder erschweren", erklärt er.

Das Problem: Grossman hat niemals in einem Regiment gedient, geschweige denn in einem Krieg gekämpft, zudem ist er noch nicht einmal ein geschulter Psychologe. Seine Thesen zur Frage, wie Soldaten und Polizisten mit Stress in lebensbedrohlichen Konfliktsituationen umgehen sollten, beruhen einzig auf Interviews, die er mit ehemaligen Frontkämpfern geführt hat.

"Meine Stärken sind die Fülle an Informationen, die ich im Laufe der Jahre gesammelt habe, und die Fähigkeit, aus dem Bauch heraus zu sprechen", sagt Grossman, der sich selbst eher als Motivator denn als Professor versteht – und genau das ruft spätestens seit den tödlichen Schüssen von Saint Paul immer mehr Kritiker auf den Plan. Denn die Polizisten halten Grossmans Ideen für Fakten. Philando Castile ist nur der erste bekannt gewordene Fall, bei dem ein Polizist Grossmans Thesen zu wörtlich genommen hat – mit fatalem Ausgang. Experten befürchten, dass noch mehr Tote auf sein Konto gehen könnten.

Gewalt mit noch mehr Gewalt bekämpfen?

Eigentlich laufen Grossmans Seminare immer gleich ab: Zunächst beschwört der 61-Jährige ein Endzeitszenario herauf. Er erinnert an die jüngsten Massaker von San Bernardino, Orlando und Las Vegas, warnt vor künftigen Atombombenanschlägen an der Westküste und vor mit Ebola infizierten Selbstmordattentätern an der Mexikanischen Grenze, um dann zum Kern seines Vortrags überzuleiten: die angeblich steigende Zahl ermordeter Cops. "Wir sind im Krieg, und ihr seid die Kämpfer an vorderster Front, die Delta Force!", redet er sich vor seinem Publikum in Rage. "Wie bekämpft ihr Gewalt? Mit größerer Gewalt – rechtmäßiger Gewalt. Sie ist euer Werkzeug! Also nehmt eure Waffe und erledigt diese Mistkerle, bevor sie euch zuvorkommen und eure Kids töten."

In seinem Buch "Über das Töten: Der psychologische Preis für das Erlernen des Tötens im Krieg und in der Gesellschaft", das auf dem Lehrplan der FBI Academy steht, geht Grossman weiter ins Detail und unterteilt die Menschheit in drei Kategorien: Jene, die sich nicht zu helfen wissen (Schafe). Jene, die Gewalt an Schwächeren verüben (Wölfe). Und jene, die "gesegnet sind mit dem überwältigenden Bedürfnis, die Herde zu beschützen“: die Schäferhunde. Zu Letzteren zählt er die Polizei.

Doch gegen welche Wölfe sollen die Schäferhunde die Schafe verteidigen? Wer ist dieser diffuse Feind, gegen den die Polizei in den Krieg ziehen soll? In Grossmans Weltbild sind das vor allem die Bürgerrechtsbewegung und die Medien. Diese würden nicht nur Hass auf die Gesetzeshüter schüren – sie seien auch schuld daran, dass die Polizei in weiten Teilen des Landes nach den Protesten über tödliche Schüsse auf Afroamerikaner angeblich weniger hart durchgreifen könne, was Kriminelle ausnutzen würden. Das Waffenrecht sei dagegen kein Problem – im Gegenteil: "Das Recht auf 'concealed carry' (das verdeckte Tragen von Schusswaffen) ist eine der größten Errungenschaften unserer Zeit", so Grossman.

"Wir brauchen daher noch viel mehr Waffenbesitzer, mit sorgfältigen Background Checks und gründlichem Training. Ich will, dass wir eine Nation von Scharfschützen werden." Genau diese Aussagen sorgen bei vielen Rechtsexperten für Kopfschütteln, weil sie Öl ins Feuer gießen und die angespannte Stimmung in den USA weiter anheizen. "Für Soldaten der US Army mag das ein sinnvoller Ansatz sein, für die nationale Polizeiarbeit ist er jedoch völlig inakzeptabel", sagt Samuel Walker, Professor für Strafrecht. Seth Stoughton, Ex-Cop und Jura-Dozent an der University of South Carolina wird noch deutlicher: "In Grossmans Weltbild ist der Polizist der Held, der Krieger, die noble Figur, die Ordnung in eine chaotische Welt bringt. Dieser Ansatz ist überholt, ineffektiv und auf eine gefährliche Weise falsch."

Auch erste Police Departments positionieren sich mittlerweile klar gegen Dave Grossman: So wurde etwa nach Bekanntwerden des Castile-Falls das für Santa Clara County gebuchte Grossman-Seminar abgesagt – die Begründung des Sheriffs: "Polizisten sind in erster Linie Gesetzeshüter und Friedensbewahrer – und keine Krieger."

Ist Dave Grossman ein Sicherheitsrisiko?

Bis 1998 war Dave Grossman Dozent für Militärpsychologie und Offizier an der US-Militärakademie in West Point. Niemand hat mehr Cops und SWAT-Einheiten trainiert als er. Mittlerweile werden seine Thesen immer öfter auch von Waffenrechtlern und Bürgerwehren aufgegriffen, was die aufgeheizte Stimmung in den USA weiter verschärft.

Dave Grossman sieht einen massiven Anstieg der Gewalt in der US-Gesellschaft. Allerdings gehe dieser nicht von der Polizei aus – im Gegenteil: Der Hass richte sich vor allem gegen Cops. Als Hauptschuldige hat er die Bürgerrechtsbewegung und die Medien ausgemacht. Laut Statistik gibt es aber keinen Anstieg von Gewalt. Zwar stieg im Jahr 2015 die Zahl der Morde laut dem FBI in einzelnen US-Städten, bundesweit ist sie jedoch nur halb so hoch wie in den 1990er-Jahren und damit auf einem historischen Tiefstand.

Grossman interessieren diese Zahlen nicht. Er will Polizisten in Krieger verwandeln. Sein Credo: "Nicht den Abzug zu betätigen, wenn man gesetzlich im Recht ist, ist genauso schlimm, wie abzudrücken, wenn man es nicht ist." Der US-Strafrechtler Seth Stoughton spricht von "Panikmache", Filmemacher Craig Atkinson wirft Grossman gar vor, mit seinen Polizisten-Trainings "fear porn" zu betreiben.

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