Auto-Update 11 legendäre Autos, die niemand mehr kennt

Matador 06.08.2019

Concept Cars loten Grenzen aus, zeigen, was ein Automobil eigentlich ist. Von kreativen Schöpfern entworfen, folgen sie nicht nur dem Puls der Zeit, häufig geben sie diesen vor, werden zu radikalen und lebendigen Sinnbildern von Generationen oder versinken in der Bedeutungslosigkeit.

Inhalt
  1. Concept Cars: Atelier der Legenden
  2. Bildband setzt Auto-Designern ein Denkmal
  3. Concept Cars wollen starre Schemata durchbrechen
  4. Das Genie des Harley J. Earl
  5. Concept: Cars Die organische Formsprache ist Trumpf
  6. Innovation durch Experimentierfreude
  7. Concept Cars: Futuristisch dank "Sheer Look"
  8. Konservative Einflüsse ablegen und kreativ-neu denken

Ungeduldig wartet die Menge – alle starren auf den weißen Vorhang. Kameras stehen bereit, alles ist in Position. Wenn der Vorhang fällt, wird seine Schöpfung der Öffentlichkeit präsentiert.

Der Designer ist nervös. Monate hat er an seinem Werkstück gearbeitet. Der weiße Stoff geht zu Boden. Blitzlichtgewitter, begeistertes Klatschen, die ersten Bilder sind schon bei Instagram und Twitter hochgeladen.

 

Concept Cars: Atelier der Legenden

Der Kult ums Automobil ist ungebrochen hoch. Trotz Diesel-Gate und anderer Skandale existiert er, seit die ersten motorisierten Kutschen die Werkstätten innovativer Tüftler verließen, und hat seitdem kaum an Feuer und Leidenschaft verloren.

Das Auto wollte immer schon die Kluft zwischen Nutzbarkeit und ästhetischer sowie kreativer Innovation schließen. Ein Anspruch, den es durchaus mit der Mode gemein hat.

Doch während – vor allem in den 80er- und 90er-Jahren – Modedesigner wie Giorgio Armani oder Karl Lagerfeld ihren Weg ins Rampenlicht beschritten, stehen die kreativen Köpfe, die Designvordenker der Automobilwelt oft nur hinter den Kulissen, lediglich echten Kennern bekannt.

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Bildband setzt Auto-Designern ein Denkmal

Mit dem Bildband "Fast Forward – Autos für die Zukunft, die Zukunft des Autos" setzen Robert Klanten, Maximilian Funk und Jan Karl Baedeker diesen Designern sowie ihren Werken ein Denkmal.

"Nie zuvor in der Geschichte des Automobils hatten Designer so viele Freiheiten wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts – und nie zuvor waren sie derart vielen Beschränkungen unterworfen", verkündet Baedeker, um dann einen begeisterten und begeisternden Blick zurück zu werfen.

Eine Chronik des Automobildesigns ist das Resultat. Denn das letzte Jahrhundert, das man gut und gern die Epoche des Automobils nennen kann, war geprägt von gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüchen und Entwicklungen.

Da jeder Designer sich gegenüber seiner Zeit und ihren Diskursen verantworten muss, finden sich in den historischen Designstudien und Concept Cars Reflektionen des jeweiligen Zeitgeists.

 

Concept Cars wollen starre Schemata durchbrechen

Konzeptfahrzeuge sind Versuche, die etablierten Muster und Schemata der Branche zu durchbrechen. Ausgetretene Wege lassen sich gut gehen, doch interessanter ist es sicher offtrack.

Daher sind die Kreativen stets auf der Suche nach der Revolutionierung des Etablierten. Concept Cars sind oft extrem, im besten Sinne des Wortes: Sie gehen an die Grenze dessen, was in ihrer Gegenwart vorstellbar ist.

Die meisten erreichen nie die Serienproduktion. Vielmehr loten sie immer wieder aufs Neue aus, was zeitgemäß und cool ist.

Die Designer haben dabei eine große Verantwortung und nicht grundlos werden ihre Präsentationen auf den Automobilausstellungen zelebriert, wie es einst Steve Jobs bei der Einführung eines neuen Apple-Produkts tat.

 
 

Das Genie des Harley J. Earl

Ähnlich Jobs waren es immer die Vordenker der Automobilwelt, die Zeitenwenden einleiteten. Harley J. Earl gilt als einer dieser Pioniere, die aus dem Gebrauchsgegenstand ein ästhetisches Kultobjekt machten.

Earl arbeitete von 1927 bis 1959 für General Motors und stieg 1940 bis zum ersten stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden im Bereich Design auf.

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Eine maßgebliche Innovation, die auf Earl zurückgeht, ist die Anfertigung eines Tonmodels der Karosserie von Hand. Zuvor wurden Karosserien von den Ingenieuren entworfen und mussten weniger ästhetischen als vielmehr funktionalen und ökonomischen Anforderungen standhalten.

Earls neue Herangehensweise veranlasste den Konzernchef Alfred P. Sloan dazu, das erste Designstudio eines Autobauers, die Art and Color Section, ins Leben zu rufen und Earl zu ihrem Leiter zu machen.

Auch das erste Concept Car der Geschichte geht auf Earl zurück, denn die mittlerweile in "Styling Division" umbenannte Abteilung entwarf 1939 den legendären Buik Y-Job. Es gilt als erster Wagen, der einzig zu dem Zweck entwickelt wurde, Designgrenzen zu überschreiten.

Nach der historischen Präsentation war es Harley J. Earls Privileg, dieses elegante und mit seiner organischen Formsprache revolutionäre Gefährt zu nutzen. Bereits hier wurde deutlich, dass Concept Cars nichts mit rationalistischen oder ökonomischen Vorstellungen zu tun haben.

 

Concept: Cars Die organische Formsprache ist Trumpf

Der Buick Y-Job war das erste Automobil mit elektrischen Fensterhebern und einem elektrisch ausfahrbaren Klappdach. Die seitlichen Trittbretter, damals Standard, wurden weggelassen und der Wagen so tief gelegt, dass er fast den Boden küsste.

Es sind nicht die einzelnen Innovationen, die diesen Klassiker zu einem der bedeutendsten Autos der Designgeschichte machen, es ist ihre Vereinigung und die konsequente Unterordnung aller Elemente unter die Idee neu zu definieren, was motorisierte Fortbewegung ist.

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Dieser Mut zum radikalen Umdenken zahlte sich aus. Der angeschlagene Konzern General Motors erholte sich in den folgenden Jahren und konnte der amerikanischen Gesellschaft, müde von Depression und Kriegslast, ein Versprechen vom kommenden Wohlstand präsentieren. Von nun an gehörten Concept Cars für die Konzerne zum guten Ton.

Earl gründete bereits 1934 das Art Center College, eine Designschule, um qualifizierten Nachwuchs heranzuziehen, und stellte – ganz entgegen dem Zeitgeist – auch Frauen oder offen homosexuelle Mitarbeiter ein, sofern sie qualifiziert genug waren.

Seine Abteilung zeichnete noch bis weit in die 50er-Jahre verantwortlich für Innovation und designtechnische Experimentierfreude. Es wurde ein System geschaffen, in dem auch in kürzeren Intervallen kleinere Veränderungen an bestehenden Modellen präsentiert werden konnten.

 

Innovation durch Experimentierfreude

Diese "dynamische Obsoleszenz" erlaubte GM schneller und flexibler auf die Zeichen der Zeit reagieren zu können. Stromlinienform, beheizte Sitze und Autoradios waren nur einige der so entstandenen Neuerungen.

Nicht von ungefähr ging das Konzept des ersten Sportwagens der USA auf ihn zurück, die Corvette. Nach Earls Ausscheiden aus dem Konzern 1958 brachen Rivalitäten um seine Nachfolge aus, die dazu führten, dass die Vormachtstellung, die General Motors sich erarbeitet hatte, zu bröckeln begann.

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Die Konzeptstudien der Automobilhersteller griffen in der Folge immer offensichtlicher Motive aus der Luft- und Raumfahrt auf.

Auch hier spiegelte sich in den Designs der Zeitgeist wider. Die USA und die Sowjetunion hatten gerade erst den Wettlauf ins All eingeleitet, weshalb die Wagen der späten 50er und der 60er häufig eher Raumschiffen aus der Science Fiction als Nutzfahrzeugen ähnelten.

Alles war beseelt vom Fortschrittsglauben, dem Willen zur Zukunft. So entwickelte der Designer William L. Mitchell 1969 den GM Astro III mit klar erkennbarem Einfluss der Raumfahrt.

Doch erinnert das Gefährt weniger an die Apollo 11, als es den X-Wing, das ikonische Jagdraumschiff aus "Star Wars" vorwegnimmt.

 

Concept Cars: Futuristisch dank "Sheer Look"

Mit Mitchell, einem Zögling Earls, hielt der Sheer Look dann Einzug bei GM, der mit seinen schwungvollen Linien und scharfen, aerodynamischen Kanten aufregender und futuristischer wirkte als alles, was man zuvor kannte.

"Der Blick zurück auf die mutigsten, waghalsigsten und radikalsten Entwürfe zeigt aber auch, dass Automobildesign nicht im luftleeren Raum stattfindet – und dass Innovation ein gesellschaftliches wie unternehmerisches Umfeld braucht, das echte Neuerungen ermöglicht.

So sind es gerade die Concept Cars, die uns viel über den Zeitgeist und die Gesellschaft verraten", beschreibt es Baedeker.

Die Reise durch die Zeit und die Entwicklungen der kreativen Geister geht weiter bis in die Gegenwart, wo nicht weniger enthusiastische Visionäre daran arbeiten, neu zu definieren, was ein Automobil im neuen Jahrtausend ist und sein wird.

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Einer von ihnen ist Michael Mauer, der seit 2004 das Designstudio von Porsche leitet und seit Ende 2015 Hauptverantwortlicher im Bereich Design für alle Marken der Volkswagen Group ist.

 

Konservative Einflüsse ablegen und kreativ-neu denken

Seinen Anfang machte er bei Mercedes-Benz, wo er den SLK auf die Straße brachte. Nach kurzen Aufenthalten bei Smart und Saab kam er zu Porsche, wo er mit dem Panamera einen der meistbesprochenen Sportwagen der Marke erschuf.

Mittlerweile ist er die Instanz, wenn es um Design geht, und legt auch selbst Hand an, wenn feine Änderungen bei einem Kleinwagen anstehen, eine neue Sportwagenstudie auf den Weg gebracht werden muss oder wenn es um ein richtungsweisendes Konzept für das Auto der Zukunft geht.

Doch trotz all dieser Aufgaben und Pflichten ist sie noch da, die Utopie: "Das ist der Traum der allermeisten Autodesigner: sich von allen konservativen Einflüssen freizumachen und etwas so radikal Andersartiges und Neues zu entwickeln, dass es selbst Jahrzehnte später noch anziehend und modern wirkt – und bloß nicht skurril."

Dabei ist klar, dass auch diese Designstudien, die eher Kunst um der Kunst willen sind, eine Sogwirkung besitzen. In ihnen wird übersteigert das probiert, was in Zukunft seinen Weg auf die Straße nehmen wird.

"Fast forward"
"Fast Forward. Autos für die Zukunft, die Zukunft des Autos"   Foto: Gestalten Verlag

Alle Bilder sind aus dem Buch: "Fast Forward. Autos für die Zukunft, die Zukunft des Autos". Jan Baedeker. Gestalten Verlag. 30 mal 27 Zentimeter, vollfarbig, Hardcover, fadengebunden, 304 Seiten. 49,90 Euro. ISBN: 978-389955-689-6.

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