Gier ins Verderben

Beresniki: Das russische Atlantis

Die russische Stadt Beresniki wurde über einer riesigen Salz-Mine erbaut. Die brachte 70 Jahre lang Arbeit und Wohlstand, bis die Gier der Menschen zu groß wurde – und die Stadt sich ihr eigenes Grab schaufelte.

Eine Stadt versinkt
Eine Stadt versinkt Foto: YouTube / DW Deutsch

"Es ist die Wahrheit! Dieser Ort ist ein sicherer Ort." Sergej Djakow ist der Bürgermeister von Beresniki. Ein stämmiger Mann mit festem Blick und befehlsgewohntem Ton. Dennoch hebt er beschwichtigend die Hände, wenn er redet. Er will die Bürger seiner Stadt beruhigen.

Obwohl er es eigentlich besser weiß. Nur wenige Tage zuvor lässt Djakow höchstselbst in einer Nacht-und-Nebel-Aktion 40 Familien aus dem angeblich sicheren Beresniki evakuieren. Er kennt das Schicksal der Stadt: Sie wird untergehen – und es gibt niemanden auf diesem Planeten, der das verhindern kann. Aber wie konnte es so weit kommen? Was muss passieren, dass eine Stadt im Erdboden verschwindet?

Und sie gruben zu tief

Beresniki ist eigentlich keine besonders aufregende Stadt – 150.000 Einwohner, mehrspurige Straßen, Einkaufszentren und Sportplätze. Steigt man in Moskau in ein Auto und fährt auf der Europastraße 22 rund 1.500 Kilometer nach Osten, erreicht man eine unscheinbare russische Provinzstadt.

Kaum einer ahnt, dass Beresniki direkt über einem der größten Kalisalz-Vorkommen der Erde erbaut ist – ein Schlüssel-Rohstoff, der auf den Weltmärkten als wichtiges Düngemittel gehandelt wird. In Beresniki wird das Salz seit mehr als 70 Jahren ohne Rücksicht auf Verluste abgebaut.

Tausende Kilometer Stollen ziehen sich wie Narben durch den Untergrund, unzählige Kavernen machen den Boden zu einem Gerippe. Das Höhlensystem unter Beresniki besitzt eine Grundfläche von mehr als 400 Quadratkilometern.

Nur zum Vergleich: Würde man alle Hohlräume der gigantischen Salz-Grube zusammenlegen, hätte man ausreichend Platz, um mehr als 11.000 fünfstöckige Hochhäuser nebeneinander zu errichten.

Doch irgendwann sind es zu viele Löcher und Hohlräume im Boden. Am 17. Oktober 2006 kommt es zur Katastrophe. Die ersten Vorboten des drohenden Unheils sind kleinere Erdbeben. 400 Meter unter Beresniki implodiert die Mine – Hohlräume und Stollen fallen in sich zusammen, und große Mengen Süßwasser fluten die Schächte.

Das Wasser reagiert mit dem porösen Untergrund und löst die salzhaltigen Gesteinsschichten auf, über denen Beresniki erbaut ist. Kurz darauf reißt in Beresniki zum ersten Mal die Erde auf. Im Nordosten der Stadt entsteht ein gigantischer Krater mit einem Schlund so groß, dass 17 Fußballplätze hineinpassen würden, und Wänden, die 50 Stockwerke senkrecht in die Tiefe fallen.

Für Beresniki ist es der Anfang vom Ende. Die ganze Stadt versinkt im Erdboden – 23 Autostunden vom nächsten Meer entfernt, entsteht wie aus dem Nichts ein russisches Atlantis.

Betrachtet man Beresniki heute aus der Luft, wirkt die Stadt zerfurcht und krank – wie von einem sich ausbreitenden Ekzem befallen. Überall in der Stadt haben sich Krater aufgetan, manche nur wenige Meter breit, aber so tief, dass man den Grund nicht erkennen kann.

Andere sind Hunderte Meter im Durchmesser und in wenigen Minuten entstanden. Viele Straßen enden an Metallzäunen. Dahinter beginnt "die Zone" – jene Bereiche von Beresniki, deren Betreten lebensgefährlich ist. Der Boden kann sich hier mehrere Meter absenken oder anheben – Häuser stehen schief, mannsbreite Risse durchziehen ganze Straßenblöcke.

Unsichtbar sind dagegen die hoch explosiven Gasblasen, die sich in nicht gefluteten Hohlräumen unter der Stadt aufstauen – und jederzeit in der Stadt ein Inferno auslösen könnten.

Ein Leben auf einer Zeitbombe

Für die Bewohner von Beresniki ist das Leben längst zu einem Albtraum geworden. Die Salzgrube im Untergrund erstreckt sich beinahe über das gesamte Stadtgebiet. Niemand weiß, wo sich der nächste Krater öffnen wird. Jeder fürchtet, dass es das eigene Haus sein könnte, das von der Erde verschluckt wird.

Eine Angst, an der auch eine Armee aus Geologen und Bergbauingenieuren nichts ändern kann, die nach Wegen suchen, den nächsten Erdrutsch vorherzusagen. Ebenso wenig wie der zentrale Kontrollraum, den der Bürgermeister einrichten ließ.

Hier laufen die Bilder von Hunderten Kameras zusammen, die in der Stadt angebracht worden sind – wie viel Vorwarnzeit dadurch gewonnen wird, ist allerdings unklar. Sogar aus dem Orbit wird Beresniki von Forschern der Technischen Universität Clausthal beobachtet.

Das Team um Prof. Wolfgang Busch scannt mit dem deutschen Erdbeobachtungssatelliten Terra SAR-X alle elf Tage aus einer Höhe von 520 Kilometern den Erdboden der Stadt. Ein Verfahren, das "Höhenänderungen im Millimeter- und Zentimeterbereich erfassen kann", erklärt Busch.

Tatsache ist: Es gibt wahrscheinlich keine Stadt auf der Welt, die geologisch besser überwacht wird – und dennoch ist es ein Ort, an dem sich kein Geologe freiwillig aufhalten möchte. Die Experten des Minenbetreibers jedenfalls haben ihr Büro schon vor Monaten in eine sichere Zone außerhalb der Stadt verlegt. Doch wieso bleiben dann all die anderen Menschen in ihren Häusern?

Niemand ist hier sicher

"Eigentlich müsste hier jedes Haus evakuiert werden", erklärt Valery Kovbasyuk, Verleger einer oppositionellen Zeitung in Beresniki. "DasProblem ist aber, dass die Stadtverwaltung das niemals offen zugeben würde." Ganz im Gegenteil.

Bürgermeister Djakow und die mächtigen Oligarchen des Orts sind fest entschlossen, die Menschen in der Stadt zu halten – zumindest in den Vierteln, die noch nicht in den immer größer werdenden Löchern verschwunden sind.

Sie investieren Millionen in das Aussehen einer todgeweihten Stadt, statt außerhalb der Todeszone neue Wohnsiedlungen zu errichten. Das makellose Äußere der bewohnbaren Zonen soll über die Gefahren hinwegtäuschen, die unter der Stadt lauern.

Reißt außerhalb der Sperrzonen eine Straße ein, wird sie asphaltiert, zeigen sich Risse im Putz von Schul- oder Theatergebäuden, werden zusätzliche Mauern zur Stabilisierung hochgezogen. Neue Parks werden angelegt, Springbrunnen eingeweiht.

Ein Großteil der Stadt versank im Meer
Eine Fabrik in Beresniki Foto: iStock / leonid4210

Zum 73-jährigen Jubiläum der Stadt ist ein protziges Fest geplant – alles, damit die Stadt nicht nach dem aussieht, was sie ist: ein Ort, der untergeht. Stellt sich nur die Frage: Wozu die ganze Mühe? Die Antwort ist perfide: Solange unter der Stadt noch Millionen Tonnen Kalisalz lagern, benötigen die Oligarchen Tausende Arbeitskräfte, um den den wertvollen Stoff abzubauen.

Tatsächlich ist die Salz-Metropole einer der wenigen Orte in Russland, in denen es trotz guter Löhne unbesetzte Arbeitsplätze gibt. Deshalb werden keine Kosten für neue Parkanlagen und Volksfeste gespart – dass Geologen ausgerechnet unter dem zentralen Festplatz von Beresniki eine gigantische Gasblase entdeckt haben, wird dagegen verschwiegen.

Auf Anfrage verweigert dazu nicht nur der Bürgermeister, sondern auch der Direktor des Bergbau-Instituts ein Statement. Schließlich wolle er "keine Panik verursachen".

Ein Verhalten, das nicht verwundert, wenn man den Hintergrund der beiden Männer kennt: Als es in der Grube zum Wassereinbruch kommt, ist der Direktor des Bergbau-Instituts der wissenschaftliche Leiter der Minengesellschaft – und der Bürgermeister niemand Geringeres als der Sicherheitschef in der Kalisalz-Mine.

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