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Superlative

Banzai Pipeline: Die gefährlichste Welle der Welt

Jeder Surfer der Welt kennt diese Stelle. Denn genau hier bricht jeden Winter die gefährlichste Welle der Welt, die sogenannte Banzai Pipeline.

Die Banzai Pipeline am North Shore auf Hawaii
Die Banzai Pipeline am North Shore auf Hawaii Foto: iStock / tropicalpixsingapore

Wann genau der Wahnsinn anfangen wird, weiß niemand. Der Pazifik bleibt trotz aller Hightech unberechenbar. Aber dass es passieren wird, genau an dieser Stelle, auf diesen 100 Metern, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Seit Wochen pilgern Tausende Gläubige aus der ganzen Welt zur North Shore auf Hawaii – zur größten und gleichzeitig am meisten gefürchteten Kathedrale des Surfens: zur Banzai Pipeline.

Eine bis zu sechs Meter hohe Welle, in deren Tunnel man einen Bus parken könnte. Sponsoren haben in den Dünen Leinwände und Tribünen errichten lassen, Schaulustige stehen schon bei Sonnenaufgang am Strand, Helikopter kreisen über der Szenerie, Hunderte Surfer treiben im Wasser, gefilmt von Wasserfotografen, Jetskifahrern und Drohnen, die alles via Livestream zu den übertragenden TV-Sendern schicken. Alle wissen: Unsterblich kann ein Surfer nur hier werden, vor den immergrünen Regenwäldern und perlweißen Sandstränden der North Shore auf Hawaii – auch wenn es sein Leben kostet. Und plötzlich, an einem sonnigen Dezembermorgen, ist es so weit. Der Pazifik entfesselt seine wahren Kräfte. Die Pipeline erwacht – und die Messe beginnt.

Banzai Pipeline: Die gefährlichste Welle der Welt

Es heißt, gerade einmal jeder tausendste Surfer auf der Welt kann diese Welle überhaupt reiten, die 6.000 Kilometer entfernt im Nordpazifik geboren wird, ehe sie auf den Strand der North Shore auf Oahu trifft. Und wenn man die unzähligen YouTube-Videos und Bilder von der Banzai Pipeline sieht, versteht man auch, warum. Tatsächlich bäumt sich nirgendwo sonst auf der Welt eine Welle so schnell im 90-Grad-Winkel auf. Innerhalb weniger Augenblicke entsteht hier eine haushohe Wand aus Wasser. Für die Surfer bedeutet das: Das Zeitfenster, um die Welle anzupaddeln, beträgt nur Bruchteile einer Sekunde. "Bist du auch nur einen Wimpernschlag zu früh oder zu spät dran, packt dich die Welle und zerschmettert dich. Sie verzeiht keine Fehler", erklärt die hawaiianische Lokalmatador Mason Ho.

Gleichzeitig ist die Drop-In-Zone, also die Stelle, wo der Surfer die Welle anpaddelt, nur wenige Meter breit – und bei jedem anrollenden Wasserberg woanders. Heißt: Verschätzt man sich nur um einen Meter, wird man von Hunderten Tonnen Wasser begraben. Deshalb hat die 100 Meter lange Pipeline, auch wenn sie immer am gleichen Strandabschnitt bricht, viele Gesichter. Insgesamt gibt es je nach Windrichtung, Strömung oder Sandbankbeschaffenheit mehr als 300 Möglichkeiten, wie sie brechen kann. Und jeweils nur einen Weg, wie man sie absurfen kann, ohne von ihr verschlungen zu werden.

Ein Wellenritt in die Unsterblichkeit ... oder den Tod

Wipe-Out nennen Surfer diese Stürze, die an kaum einem anderen Ort so lebensgefährlich sind wie hier. Denn unsichtbar für die Kameras und die Zuschauer am Strand liegt nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche genau an der Stelle, an der die Pipeline bricht, eine Art überdimensionales Rasiermesser der Natur. Hier, wo das heiße Herz der Erde besonders heftig schlägt, hat sich über Millionen Jahre ein spitzes Riff aus erhärteter Lava geformt, das schon Dutzende Male zur tödlichen Falle für Surfer wurde.

Von der Wucht der Welle werden sie am Riff aufgeschlitzt, brechen oder verrenken sich die Gliedmaßen und Gelenke oder bleiben in den Spalten unter Wasser hängen und ertrinken. "Ich will gar nicht wissen, wie viel menschliche Haut unter der Banzai Pipeline verloren ging", sagt der ehemalige Surfweltmeister Martin Potter. Tatsächlich paddeln jedes Jahr Dutzende Surfer hinaus auf den Pazifik, bilden mit ihren Brettern einen Kreis und gedenken mit einem hawaiianischen Ritual ihrer verstorbenen Freunde und Kollegen.

Es sind genau diese extremen Bedingungen, die die Angst in den Augen der Surfer erklären, bevor sie den Drop-In in die Pipeline wagen. Nirgendwo sonst kann man diese Angst so hautnah miterleben, fast fühlen, wie hier. Grund: Zwischen der Welle und dem Strand liegen gerade einmal 50 Meter. Das ohrenbetäubende Donnern, das Vibrieren im Sand, wenn eine Welle aufschlägt, die Schmerzens- und Jubelschreie – all das macht die Pipeline zu einem mystischen, ja heiligen Ort. Und gleichzeitig zu einer der am meisten umkämpften Pilgerstätten der Welt.

Die perfekte Welle fotografieren

Noch elf Meter. Zak Noyle blickt direkt auf den Surfer, der mit 60 km/h auf seinen Kopf zu rast. Der 32-Jährige hält seine Kamera über Wasser und drückt den Auslöser. Klick, klick, klick. Noch vier Meter. Die Spitze des Surfbretts zeigt direkt auf Noyles Stirn. Kollisionskurs. Die Welle beginnt zu brechen. Klick, klick. Noch 60 Zentimeter, Noyle bleiben nur noch Bruchteile einer Sekunde, um sich in Sicherheit zu bringen. Ein letztes Foto. Klick, dann taucht er ab – und der Surfer rast auf dem Wasser über ihn hinweg.

Um das beste Foto zu schießen, riskiert Zak Noyle in jeder Welle buchstäblich Kopf und Kragen. "Ich treibe während meiner Drei-Stunden-Schicht zwischen brechenden Monsterwellen, anderen Fotografen, umherrasenden Jetskis und Hunderten Surfern wie ein Korken im Wasser. Die Boards als tödliche Geschosse, das messerscharfe Riff, die Gewalt des Pazifiks – es ist ein lebensgefährlicher Arbeitsplatz", erklärt der Fotograf, der den gesamten Sommer jeden Tag mehrstündige Tauch- und Schwimmtrainingseinheiten absolviert hat, um körperlich topfit für diesen Winter zu sein. Was er dabei in seine Risikoanalyse noch gar nicht mit einbezogen hat: Die North Shore gilt nicht nur als Epizentrum des Surfens, sondern auch als das Wohnzimmer von Tigerhaien und Weißen Haien.

Doch Noyle weiß: Nur wer eine neue, besondere Perspektive von der berühmtesten Welle der Welt liefern kann, quasi aus dem Herzen der Pipeline, kann sich von der Menge absetzen – und schafft es mit seiner Arbeit auf die Hochglanzcover der Magazine. Und nur wer schnell ist, kann in dem Millionenbusiness der Surfindustrie mithalten. Der Hawaiianer hat sich daher eine Spezialkonstruktion an seine Wasserkamera gebaut. Die Bilder der Kamera werden direkt auf sein Smartphone, das über der Linse angebracht ist, gesendet. Und von dort zu Bildschirmen am Strand gestreamt. Das bedeutet: Das Publikum ist live dabei, wenn seine Helden durch den Tunnel einer Welle rasen.

Touristenmagnet North Shore

Positionskämpfe um jeden Quadratmeter Wasser, kilometerlange Staus auf den Zufahrtsstraßen, Sponsorenpartys, Helikopter und Drohnen über dem Wasser – im Winter ist von der ursprünglichen Idylle und dem hawaiianischen Aloha-Spirit von North Shore nichts mehr zu spüren. Die Kathedrale, die Pipeline, wird regelrecht überlaufen. Eine Entwicklung, gegen die die Ureinwohner bereits seit Jahrzehnten kämpfen. Denn bevor Kult-Regisseur Bruce Brown 1966 in seinem Film "The Endless Summer" die Banzai-Pipeline der Weltöffentlichkeit präsentierte, gehörte dieses Fleckchen Erde ausschließlich den Hawaiianern. Erst danach kamen Tausende Surfer und Touristen und machten den Ort zu dem, was er jetzt ist – eine Pilgerstätte für Extremsportler und Schaulustige.

Das sogenannte Wolfpak (zu Deutsch: Wolfsrudel) kann bei diesem Kampf der Kulturen durchaus als schlagfertige Verteidigungsarmee der Hawaiianer angesehen werden. Die Surfgang kontrolliert bis heute die Küstenabschnitte der North Shore auf Oahu und achtet darauf, dass sich die ausländischen Surfer an die Regeln halten. An ihre Regeln. Und diebesagen, dass man als Tourist den Einheimischen die Vorfahrt auf der Welle lassen sollte und genug Abstand zum Wolfpak hält. Da das in den überfüllten Brandungsabschnitten jedoch immer seltener möglich ist, kommt es regelmäßig zu Schlägereien. Und so ist es an der North Shore auf Oahu wie bei so vielen heiligen Stätten auf der Welt: Sie wirken wie ein Magnet auf Menschen und bergen gleichzeitig ein enormes Konfliktpotenzial. Und der Sturm hat gerade erst begonnen. Die Messe wird noch drei Monate dauern. Bis die neuen Götter gekürt sind.

Wir stehen auf Rekorde und suchen ständig nach den Größten und Längsten, aber auch Kleinsten und Kürzesten. Alle unsere Funde gibt es auf unserer Superlativ-Übersichtsseite.