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Militär-Update

Arctic Warriors: Findet hier der Dritte Weltkrieg statt?

Kein anderes Gebiet der Erde wandelt sich so drastisch wie die Arktis. Sollte das Eis weiter so schnell schmelzen, könnte das Nordpolarmeer schon vor 2050 im Sommer eisfrei sein. Angesichts der riesigen unerschlossenen Bodenschätze und potenziellen Seewege, die der Klimawandel freigibt, überrascht es nicht, dass immer mehr Staaten auf den Plan treten, um ihre Gebietsansprüche anzumelden …

Soldat in der Arktis
Ein Soldat patrouilliert auf einer russische Militärbasis im Norden auf der Insel Kotelny (Symbolbild) Getty Images / MAXIME POPOV

Mai 2019: Das Treffen des Arktischen Rates im finnischen Rovaniemi hat noch gar nicht offiziell begonnen, als plötzlich US-Außenminister Mike Pompeo aufsteht und zum Rednerpult schreitet. Die Vertreter der übrigen Arktisstaaten, zu denen u. a. Kanada, Norwegen und Russland gehören, blicken verblüfft auf. Was mag der Chefdiplomat einer Regierung, die sich jahrelang weder für die Anliegen des Rates noch für die Arktis an sich interessiert hat, wohl zu sagen haben?

Tatsächlich ist es nicht weniger als eine Kampfansage, die Pompeo in Rovaniemi macht: "Es ist an der Zeit, dass Amerika als Polarstaat Verantwortung übernimmt und die Zukunft mitgestaltet. Denn die Arktis ist nicht das öde Hinterland, für das sie lange gehalten wurde – sie ist eine Arena des Wettbewerbs der globalen Mächte. Lassen wir daher nicht zu, dass sie zu einem Ort der Gesetzlosigkeit wird." Nach einer kurzen Pause fügt er mit Blick auf den russischen Außenminister Lawrow leise hinzu: "Wir wissen nur zu gut, dass Moskaus Gebietsansprüche in Gewalt ausarten können."

Pompeos Rede ist nur eine von vielen Provokationen und Machtspielchen der USA in den vergangenen Monaten: 2018 war zum ersten Mal seit 30 Jahren ein US-Flugzeugträger in der Arktis unterwegs. Im August 2019 überraschte US-Präsident Donald Trump Dänemark mit seinem Wunsch, Grönland zu kaufen. Doch wozu all das? Welchen Wert sehen die USA plötzlich in dem unwirtlichen Ödland? Um das zu verstehen, muss man gut zwölf Jahre zurückblicken …

Findet der nächste Kalte Krieg in der Arktis statt?

Im Morgengrauen des 2. August 2007 tauchen zwei kleine U-Boote durch ein Loch im Eis in den Arktischen Ozean ein. Sie sinken bis zum Meeresgrund in 4200 Meter Tiefe hinab und verankern mithilfe eines maschinellen Arms direkt am Nordpol eine russische Fahne aus Titan. Die Bilder gehen um die Welt – und sorgen für Empörung unter den übrigen Arktisländern. Doch Präsident Wladimir Putin wiegelt ab: "Die Amerikaner haben eine Flagge auf dem Mond gehisst – und keinen hat es gestört. Damit gehört der Mond ja nicht den USA." Tatsächlich suggeriert diese Symbolaktion aber genau die gleiche Botschaft: Hier soll vor aller Welt ein Claim abgesteckt werden.

Das Jahr 2007, eines der heißesten Jahre der Geschichte, wird aber nicht nur wegen der russischen Flagge in der Tiefsee zu einem Wendepunkt für die Arktis: Nur einen Monat später geben Forscher bekannt, dass das Meereis auf das geringste Ausmaß geschrumpft ist, das je beobachtet wurde. Der Klimawandel und seine Auswirkungen rücken also bereits damals in den Fokus der Öffentlichkeit.

Doch anstatt alarmiert zu sein, sehen viele Nationen, allen voran Russland, eher Chancen als Gefahren im schwindenden Eis – seien es neue, verkürzte Seewege, die sich dadurch eröffnen, oder Zugänge zu Rohstoffen, die unter dem bisher schwer zugänglichen Meeresboden lagern. Forschern zufolge sollen in der Arktis rund 400 Felder mit einem Vorkommen von etwa 240 Milliarden Barrel Öl und Gas liegen – das ist fast so viel wie die Reserven von Saudi-Arabien. 40 Prozent aller fossilen Brennstoffe und 30 Prozent aller natürlichen Ressourcen der Welt werden in der Region vermutet.

Russland hat vor allen anderen Polarnationen dieses Potenzial erkannt. Es hat nicht nur begriffen, dass die Arktis eine Schatzkammer ist, die man jetzt erschließen kann, und dass sich im Hohen Norden gerade ein neues, schiffbares Weltmeer öffnet. Sondern auch, dass es seine militärische Präsenz in der Region massiv ausdehnen kann, da bis heute sowohl der politische Status des Nordpolgebiets als auch diverse Grenzverläufe ungeklärt sind. Sieben neue Militärbasen sind in den vergangenen Jahren entstanden, alte Startbahnen aus dem Kalten Krieg wurden reaktiviert und neue Schiffe gebaut – gerade erst ist in St. Petersburg ein neuer Atom-Eisbrecher vom Stapel gelaufen.

Speziell die Region Murmansk, die Russlands Tor zum Atlantik darstellt, gilt als Pulverfass. Der Kreml hat hier jüngst 6000 zusätzliche Soldaten her beordert. Am Fjord Sapadnaja Liza sind zudem sechs Atom-U-Boote stationiert – 55 Kilometer von der nächsten NATO-Grenze entfernt. Der norwegische Journalist Thomas Nielsen, der die Militarisierung seit Jahren verfolgt, warnt: "Wir sprechen hier von 1388 Atomsprengköpfen, über die Putin künftig in der russischen Arktis verfügen könnte."

Wettrüsten im hohen Norden

Seit 2015 ist die Polarregion zunehmend auch in den Fokus der US-Politik geraten. Bereits die damalige Außenministerin Hillary Clinton rief einen "Arctic Desk" ins Leben mit dem Ziel, neue Einrichtungen für Geheimoperationen, Manöver und Spezialausbildungen für den "Weißen Krieg" zu schaffen. Ihr Widersacher, der heutige US-Präsident Trump, hat das Thema nun endgültig für sich entdeckt.

Kein Wunder: Der sogenannte "Polar Rush" passt perfekt in seine Doktrin, denn für ihn ist der hohe Norden nur ein Eldorado, das es zu besetzen und auszubeuten gilt. Den Klimawandel und seine Folgen – speziell die Tatsache, dass die Arktis sich aktuell doppelt so schnell erwärmt wie der Rest des Planeten, wodurch das Nordpolarmeer schon vor dem Jahr 2050 im Sommer eisfrei sein könnte – sieht er daher durchweg positiv, können so doch auch die USA künftig neue Bodenschätze und Seewege erschließen.

Zumindest wenn man den Mitstreitern rechtzeitig deren Grenzen aufzeigt und die eigenen Ansprüche durch militärische Präsenz untermauert. Trumps Plan sieht daher die Wiederbelebung eines Netzwerks aus Raketenabwehranlagen vor, das von Alaska über Grönland bis nach Norwegen reicht. Und das ist nicht alles: U.S. Marines trainieren schon jetzt in Norwegen und Alaska, die Air Force nutzt die Basis Thule im Norden Grönlands als Horchposten für die Raketenabwehr. Und die Navy hat erst kürzlich ihre 2. Flotte reaktiviert, um Russland im Nordatlantik entgegentreten zu können. Bei den Eisbrechern, deren Anzahl die Ambitionen einer Arktismacht am besten widerspiegelt, haben die USA aber Nachholbedarf: Zurzeit sind nur zwei ihrer drei Schiffe einsatzfähig. Selbst Schweden, Dänemark und Kanada können mehr aufbieten – von Russland mit seinen 40 Eisbrechern ganz zu schweigen.

Aus dem Zweikampf droht zudem ein Dreikampf zu werden, denn auch das mehr als 1000 Kilometer vom Polarkreis entfernte China hat inzwischen ein Auge auf die Arktis geworfen – genauer: auf Grönland. Seit die dortige Regierung Schürfrechte an ausländische Konzerne vergibt, drängen chinesische Investoren auf die Insel – etwa, um unter dem Kvanefjeld, einer Hochebene im Süden, Uran zu fördern oder im Norden Zink abzubauen. Parallel ist von der Errichtung einer "polaren Seidenstraße" die Rede. "China hat die natürlichen Ressourcen und die arktischen Schifffahrtsrouten im Visier", sagt die Politologin Yun Sun. Das Reich der Mitte unterstützt darüber hinaus russische Erdgasprojekte, vergibt Entwicklungskredite an andere Arktisstaaten – und entwickelt ganz nebenbei seine eigene Eisbrecher-Flotte.

Wem gehört der Nordpol?

Experten sehen dieses Wettrüsten mit Sorge. "Es ist eine Militarisierung zu beobachten, bei der offensive Waffen und Equipment, zum Beispiel Marschflugkörper und eisfähige Kampfschiffe, in der Region stationiert werden", bestätigt Malte Humpert vom Arctic Institute. Selbst die deutsche Bundesregierung fürchtet militärische Spannungen zwischen den Großmächten und spricht von einem "belasteten Verhältnis".

Doch während sie zwar offiziell auf "multilaterale Kooperation" setzt, hat sie selbst die Bundeswehr allein 2018 zu vier Übungsmanövern in die Arktis geschickt. Angesichts dieser Signale fürchtet der ehemalige US-Verteidigungsminister William Perry bereits das Schlimmste: "In der Arktis droht ein Atomkrieg. Die nukleare Katastrophe ist heute wahrscheinlicher als zu Zeiten des Kalten Krieges."

Eine Möglichkeit zu verhindern, dass sich die Situation weiter zuspitzt oder gar eskaliert, wäre es, endlich Grenzen festzulegen und den politischen Status des Nordpols zu klären – etwa indem man die Antarktis zum Vorbild nimmt und wie dort weite Teile zur demilitarisierten Zone erklärt, die allein Forschern vorbehalten ist. Aktuell gilt die Arktis als Niemandsland, das der Rechtsprechung der UN unterliegt. Das hindert jedoch gerade Russland nicht daran, ständig Ansprüche zu formulieren. Es spekuliert darauf, 1,2 Millionen Quadratkilometer exklusiv wirtschaftlich nutzen zu können – eine Fläche, so groß wie Frankreich und Spanien zusammen. Sie bietet Zugang zu gigantischen Ölund Gasreserven.

Immer wieder versucht Moskau daher, der UN zu beweisen, dass der Nordpol durch den Ozeanrücken Lomonossow mit der russischen Kontinentalplatte verbunden sei und damit geologisch gesehen russisches Gebiet. Auch Kanada und Dänemark reichen auf der Basis geologischer Gutachten regelmäßig Anträge ein. Die UN will sich aber frühestens 2023 zur Nordpolfrage äußern.

Bis dahin bleibt die Arktis also eine Arena des Wettbewerbs der globalen Mächte. Denn eines ist allen inzwischen klar: Der Kampf um den hohen Norden hat längst begonnen …

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