wird geladen...
Alcatraz war gestern

ADX Florence Supermax: Das sicherste Gefängnis der Welt

Willkommen im Alcatraz des 21. Jahrhunderts – genauer gesagt: im ADX Florence Supermax in Colorado, einem der am meisten abgeschotteten Orte des Planeten. 400 Häftlinge sitzen im sichersten Gefängnis der Welt, darunter einige der berüchtigtsten Verbrecher der US-Geschichte.

Die perverse Schönheit eines Gefängnises
Die perverse Schönheit eines Gefängnises iStock / Gatsi

Seit Jahren ist dies jedes Mal der schönste Moment für ihn: Für eine Stunde darf Thomas Silverstein jeden Tag seine 2,5 mal 3 Quadratmeter kleine Zelle verlassen. Sobald er den mit Stahlplatten abgedeckten Betonplatz betreten hat, der von einer hohen Mauer umgeben ist, saugt er gierig die frische Luft ein und fängt dann an, rastlos hin und her zu laufen. Getrieben, wie ein Raubtier im Zoo. Es ist der einzige Lichtblick im endlos monotonen Grau des Gefängnisalltags – und er ist flüchtig. Denn ehe der 65-Jährige sich versieht, ist die Stunde um, und er sitzt wieder in seiner Zelle.

Umgeben von einer erdrückenden Stille, die nur gelegentlich durchbrochen wird vom Tropfen des Wasserhahns. Seit mehr als 12.400 Tagen geht das so. Das sind 408 Monate. Oder 34 Jahre. So lange sitzt Silverstein nun schon in Einzelhaft. Erst im Hochsicherheitsgefängnis Marion in Illinois, später dann in Atlanta und in Leavenworth, ehe er 2005 ins neue ADX in Florence verlegt wird, zwei Autostunden von Denver im Rocky-Mountains-Staat Colorado entfernt. Doch hier, in seiner schalldichten Zelle, bekommt er nichts von draußen mit. "Mein Kopf ist immer in einem Nebel", haucht er. "Ich kann mich an bestimmte Wörter nicht mehr erinnern." Die Einzelhaft verfolgt ihn bis in seine Träume.

ADX Florence Supermax: Das sicherste Gefängnis der Welt

Isoliert. Ohne jeglichen menschlichen Kontakt. So fristet Thomas Silverstein sein Dasein. Eine Pritsche, ein Tisch, ein Hocker ohne Rückenlehne und eine Wasch- und WC-Ecke – mehr gibt es nicht. Das Essen kommt durch eine Klappe in der Stahltür. "Abgesehen von gelegentlichem Haareschneiden, Leibesvisitationen und medizinischen Untersuchungen beschränkt sich mein menschlicher Kontakt seit Jahrzehnten auf das Anlegen der Handschellen und auf Schließer, wenn sie mich führen", berichtet Silverstein.

Der Grund für diese harte Bestrafung? 1983 gelingt es dem damals 31-jährigen Häftling trotz Hand- und Fußfesseln, einen Gefängniswärter zu töten. Da es für solche Fälle noch keine Todesstrafe gibt, überlegt sich das Bureau of Prisons (BoP), die Strafvollzugsbehörde der amerikanischen Bundesregierung, eine ähnlich grausame Bestrafung: Totale Isolation – Silverstein wandert in Einzelhaft.

"Wir können ihn nicht exekutieren, also haben wir keine andere Wahl, als ihm das Leben zur Hölle zu machen. Ansonsten würden andere Insassen ebenfalls Wärter töten", erklärt ein BoP-Beamter. Tatsächlich kommt es am selben Tag noch zu einem zweiten Wärtermord in Marion. Ein einmaliger Vorgang, der dazu führt, das in Colorado das sicherste Gefängnis der Welt errichtet wird: jenes ADX Florence Supermax, das ab 2005 Silversteins Zuhause wird. Ohne es vorherzusehen, hat der 65-Jährige damit indirekt selbst das Monster erschaffen, das ihm seit Jahren sein Leben zur Hölle macht …

Wie viele Menschen sitzen in den USA zurzeit in Einzelhalt?

Thomas Silverstein ist kein Einzelfall: Allein im ADX Florence Supermax sitzen mehr als 400 Häftlinge in Isolationszellen. Hochgerechnet auf die gesamten Vereinigten Staaten sind jedes Jahr sogar rund 450.000 Gefängnisinsassen in Einzelhaft – das sind mehr Menschen, als Miami Einwohner hat. In mehr als 40 US-Bundesstaaten soll es Hochsicherheitsgefängnisse mit Supermax-Standards geben. Die Bezeichnung steht für super-maximum security, die höchste Sicherheitsstufe des US-Strafvollzuges, und meint nichts anderes als die totale Isolation der Häftlinge bei Videoüberwachung rund um die Uhr.

Im amtlichen Sprachgebrauch ist jedoch von Einzelhaft keine Rede. Man spricht lieber von sogenannten "Special Housing Units" – von besonderen Unterbringungs-Einheiten. Nicht besonders verwunderlich, wenn man liest, wie der republikanische Senator John McCain seine zwei Jahre Isolationshaft als Kriegsgefangener in Nordvietnam beschrieb: "Einzelhaft ist entsetzlich. Sie erdrückt deinen Geist und schwächt deinen Widerstand stärker als jede andere Form der Misshandlung."

Die wohl schlimmste Form der Isolation müssen die Insassen des ADX Supermax Florence erdulden. Zumindest, wenn man den Aussagen ehemaliger Häftlinge Glauben schenkt. "Es ist der härteste Ort, den man sich vorstellen kann", sagt Travis Dusenbury über das "Alcatraz in den Rockies". "Es gibt dort nichts Lebendiges, nicht einmal den kleinsten Grashalm." Zehn Jahre verbrachte der heute 46-jährige Afroamerikaner aus Lexington, North Carolina, im ADX. Eingesperrt im Hochsicherheitstrakt, befand er sich dabei in prominenter Gesellschaft: Denn auch berühmte Terroristen wie Dschochar Zarnajew, der Boston-Marathon-Attentäter von 2013, oder 9/11-Drahtzieher Zacarias Moussaoui sitzen hier seit vielen Jahren ein. Doch wie muss man sich das Leben in einem Supermax vorstellen?

Stahl, Beton und Einsamkeit

Bis zu 23 Stunden täglich verbringen die Häftlinge in ihrer Zelle. Alles darin besteht aus Stahl und Beton. Das Licht geht um 5 Uhr morgens an, um 22 Uhr aus. Das gilt jedoch nicht für die matte Sieben-Watt-Birne, die permanent brennt. Siebenmal täglich wird gezählt, viel mehr Abwechslung gibt es nicht. Auch für Travis Dusenbury ist es daher das Highlight des Tages, wenn die mit Splitterschutzweste und Schutzbrille ausgerüsteten Wärter ihn zum Hofgang abholen. "An zwei Tagen die Woche gab es allerdings keinen Hofgang, und manchmal wurde er auch einfach grundlos abgesagt", erzählt er.

Die einzige Möglichkeit, die Isolationshölle erträglicher zu machen, ist am "Step Down"-Programm teilzunehmen. Wer es erfolgreich absolviert, darf nach einiger Zeit ein elektronisches Gerät besitzen (einen MP3-Player beispielsweise) oder einen Schwarz-Weiß-Fernseher. Später darf man gelegentlich in einen größeren Hof. Hier sitzt man dann nicht nur mit zwei bis sieben Personen statt alleine, sondern kann sogar den Himmel sehen. Dusenbury schafft es nach fünf Jahren ins Stufenprogramm. Doch als er einmal mit einem anderen Häftling aneinandergerät, ist es vorbei mit den Privilegien. "Man sagte mir, ich hätte es versäumt, mich anzupassen. Also haben sie mich nach sechs Monaten wieder in die Isolation gesteckt."

Gelegentlich bekommt Dusenbury aber doch mal Besuch in seiner Einzelzelle – wenn er gegen eine Regel verstoßen hat. Dann schaut eine Einheit vorbei, die von den Insassen der "Schlägertrupp" genannt wird. "Die kamen dann mit Tränengas, Schlagstöcken, Stahlkappenstiefeln und Bereitschaftsausrüstung." 

Doch diese Gewaltexzesse sind nicht das Schlimmste in den Augen des Ex-Häftlings, sondern die Schlafprobleme: "Ich konnte einfach nicht schlafen. Ich lag die ganze Nacht da, zehn Jahre lang, und war immer wach. Es gab einfach kein Entrinnen aus dieser Zelle." Mittlerweile ist Travis Dusenbury ein freier Mann, doch die Jahre im Supermax verfolgen ihn: "Wenn du im ADX gesessen hast, wird dir klar, dass ein Mensch zu sein keinesfalls ein angeborenes Recht ist."

Machen die Gefängnisse aus den Häftlingen tickende Zeitbomben?

Dass die Kritik an der Isolationshaft in den Vorzimmern der Politik verhallt, hängt Experten zufolge damit zusammen, dass das US-Justizsystem spätestens seit den 80er-Jahren eher von Vergeltung geprägt ist als von der Idee, man könne Menschen resozialisieren. Aber was passiert mit Straftätern, die, nachdem sie Jahrzehnte in engen Käfigen gehalten wurden, wieder in die Freiheit entlassen werden? "Wenn ich hier rauskomme, bin ich fast 75. Ich habe nicht vor, mich in die Gesellschaft einzugliedern. Ich will Rache. Was habe ich denn sonst noch?", sagt etwa Ty Evans, der seit drei Jahren in Einzelhaft sitzt.

Doch es gibt eine Gegenbewegung zu noch mehr Knast und noch mehr Einzelhaft. Angeführt wird sie ausgerechnet von einem hohen Justizbeamten: Rick Raemisch, Direktor des Colorado Department of Correction, hat diese Gefahr, dass die Gefängnisse zu "Brutstätten für Monster" werden, wie Kritiker sagen, längst erkannt. Er bekam seinen Job, weil sein Vorgänger vor der Haustür von einem Ex-Häftling, der gerade erst aus siebenjähriger Einzelhaft entlassen worden war, erschossen wurde.

Nachdem Raemisch sich selbst für 20 Stunden in eine Supermax-Zelle hatte sperren lassen, begann er sich für Reformen stark zu machen. Mit Erfolg: Heute sitzen außerhalb von Florence 160 Menschen in Isolationshaft, 2011 waren es in ganz Colorado noch 1.500. Tatsächlich ist die Zahl der Gewalttaten seitdem massiv gesunken.

Das Kuriose: Als Raemisch das erste Mal die Zellentüren öffnet, weigern sich viele Insassen, herauszukommen. Sie sind soziale Interaktion nicht mehr gewöhnt und fürchten sich vor Gewalt durch ihre Mithäftlinge. Andere dagegen wechseln direkt von der Einzelhaft in die Freiheit – allein 2014 waren es mindestens 10.000 Verurteilte in 24 Staaten, unter ihnen auch der Mörder von Raemischs Vorgänger.

Colorado hat aus diesem Fall gelernt und ist heute einer der wenigen US-Staaten, die ehemalige Häftlinge nicht direkt aus der Isolation auf die Straße schicken. Raemisch hat extra ein Resozialisierungsprogramm ins Leben gerufen, das die Bereiche Verhaltenstherapie, Berufsvorbereitung und Bildung umfasst und die Rückfallrate um 40 Prozent reduziert hat. "Unsere Aufgabe ist es, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten“, sagt Raemisch. "Daher ist es unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Straftäter nach der Haft nicht noch gefährlicher sind als vorher."

ADX Florence Supermax im Guinness-Buch

Mitten in der Prärie Colorados, in einem Hochtal am Rande der Rocky Mountains, liegt das berüchtigte ADX Florence Supermax. Mit seiner ockerfarbenen Fassade wirkt der Betonklotz auf den ersten Blick zwar eher unscheinbar, doch schon am Straßenrand warnen Schilder davor, Anhalter mitzunehmen. Und das aus gutem Grund: Schließlich sitzen in dem Hochsicherheitsgefängnis etliche der gefährlichsten Verbrecher der USA, darunter einige islamistische Terroristen.

Obwohl vielen Bewohnern des nahegelegenen ehemaligen Bergarbeiterortes Florence bei diesem Gedanken mulmig zumute wird, wollen sie doch nicht auf die Gefängnisse verzichten. Mehr als 30 Prozent der Arbeitsplätze hängen von der Vollzugsindustrie ab, die sich längst zu einem der mächtigsten Wirtschaftszweige des Landes entwickelt hat. Die gute Nachricht: Bislang ist noch keinem Insassen ein Ausbruch aus dem Supermax gelungen. Kein Wunder: Laut einem Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde ist das ADX Florence das sicherste Gefängnis der Welt.

var premium1Fallback = mobile_premium1Fallback = '
';var premium2Fallback = mobile_premium2Fallback = '
';var premium3Fallback = mobile_premium3Fallback = '
';
var basic1Fallback = mobile_basic1Fallback = '
';var basic2Fallback = mobile_basic2Fallback = '
';var basic3Fallback = mobile_basic3Fallback = '
';